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Markus Schleinzer und sein Filmdebüt "Michael" im Cannes-Wettbewerb
Markus Schleinzer: Missbrauch als Thema für sein Regiedebüt
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Matthias Greuling Alexandra Zawia
Jubel ist nicht der einzige Maßstab für Erfolg – wie die Premiere des österreichischen Wettbewerbsbeitrags „Michael“ zeigte, bei der sich Applaus und Buh-Rufe mischten: Erstlingsregisseur Markus Schleinzer versucht sich in der (nicht so neuen) Disziplin „Filmemacher in der Haneke-Nachfolge“. Schleinzer arbeitete bislang am Casting vieler österreichischer Erfolge, darunter auch Hanekes „Die Klavierspielerin“ und „Das weiße Band“. Mit 39 Jahren setzte sich der praxiserfahrene Autodidakt nun erstmals selbst auf den Regiestuhl. „Michael“ erzählt in nüchternen Bildern von einem etwa 35-jährigen Mann mit Doppelleben: Draußen gibt er den unauffälligen Versicherungsvertreter, fährt mit Freunden zum Schifahren oder berichtet seiner Familie von seiner Freundin aus Deutschland. Sobald er aber sein Haus betritt, lässt er die Läden herunter und riegelt alles hermetisch ab. In seinem Keller hält er einen 10-jährigen Buben als Gefangenen, mit dem er sich ein abartiges Idyll aus Analverkehr und heiler Familienwelt aufgebaut hat. Der Junge wird bekocht, die beiden legen Puzzles, sehen gemeinsam fern. Nur, wenn in seinem dunklen Verlies das Licht angeht, weiß das gequälte Kind, das ihm nun wieder ein Stück seiner Seele und seines Lebens für immer verloren gehen wird. Der Fall Kampusch in einer rein männlichen Variante, aber beinahe akribisch nacherzählt, in Form, Farbe, Stimmung, Duktus. „Michael“ war der vielleicht am wenigsten überraschende Film des diesjährigen Wettbewerbs, was daran liegt, dass gerade österreichische Zuschauer seit den Fällen Kampusch und Fritzl medial mit intimsten Details aus dem Denken von Kinderschändern vertraut gemacht wurden. Schockierend ist, dass „Michael“ seine Zuschauer nicht mehr schockieren kann, weil sie bereits alles zu wissen glauben. Der Film liefert – ohne explizit zu werden – nur mehr die Bilder für all die fürchterlichen Fakten, die in den Medien jahrelang ausgewälzt wurden.Vieles in „Michael“ zeigt Parallelen zu frühen Arbeiten Hanekes: Verbrechen an der engsten Lebensumgebung, mit nüchterner Präzision und ohne Einmischung des Zufalls umgesetzt, hat Haneke in ähnlich eng kadrierten, statischen Bildern schon in dem Familiendrama „Der siebente Kontinent“ (1989) gezeigt. Die Veralltäglichung des Daseins, und liegen ihm auch noch so grausame Vergehen zugrunde, bindet Schleinzer in Form des omnipräsenten Fernsehkonsums ein; immer wieder zeugen Nachrichtensprecher und Spielfilmszenen aus dem Off von der Suggerierung des Fernsehens, dem eigenen Leben eine scheinbare Normalität bieten zu können. Haneke hat diesen Konflikt in seiner Collage „Nachruf für einen Mörder“ (1990) aufgegriffen, in dem er die TV-Berichterstattung über die Bluttat eines Amokläufers mit Bildern von anderen, zeitgleich ausgestrahlten Fernsehsendungen – von Sportübertragungen bis zur Unterhaltungsshow – konterkarierte. Und noch eine Parallele gibt es: Wie bei „Michael“ gab es bisher bei jedem Haneke-Film in Cannes Buh-Rufe. Nur bei „Das weiße Band“ nicht; in diesem Moment muss Haneke wohl gedacht haben, er hätte irgendetwas falsch gemacht.Markus Schleinzer hat seinen Erstlingsfilm mit Bravour besetzt (Michael Fuith, David Rauchenberger als Bub), mit routinierter Linearität inszeniert, mit großer Sorgfalt bebildert. Der Ausnahmezustand, den diese Missbrauchsgeschichte hervorrufen sollte, bleibt aber aus. Doch daran trägt Schleinzer keine Schuld. Das Thema Missbrauch ist viel zu allgegenwärtig geworden in der öffentlichen Wahrnehmung; da ist es sogar gut, dass Schleinzer gegen die Abstumpfung nicht mit Sentimentalität ankämpft. „Michael“ stellt gestalterisch große Nähe zu einem unvorstellbaren Grauen her, und bleibt dabei gleichzeitig gänzlich nüchtern und distanziert. Das ist ein Kunststück. Der junge Haneke hätte es vielleicht ganz ähnlich gemacht. Matthias Greuling, Cannes
Ausschnitt aus unserem Video-Interview mit Markus Schleinzer Cannes
Szenenbild aus "Michael" (Foto: Festival de Cannes)
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Markus Schleinzer in Cannes (Foto: Tuma)
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