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Interview Hüseyin Tabak

Hüseyin Tabak im Gespräch über seinen Film "Kick Off", Migranten, Fussball und die Suche nach einer eigenen Identität

Hüseyin Tabak

Hüseyin Tabak: "Kicken, um zu überleben"

INTERVIEW

celluloid: Herr Tabak, in Ihrem Film gibt der Fußball-Sport Obdachlosen eine neue Perspektive. Worin liegt die Kraft dieses Sports?HÜSEYIN TABAK: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: 1998 war ich selbst deutscher Street Soccer-Meister. Das ist jetzt 12 Jahre her, aber es hilft mir bis heute. Immer, wenn es mir schlecht geht, denke ich an diese sportlichen Erfolge zurück. Das gibt mir das Selbstvertrauen zurück. Auch die Jungs im Film können Kraft daraus schöpfen, dass sie in Australien waren, für Österreich bei der Street Soccer-WM gegen die Besten gekickt haben. Das ist schon was. „Kick Off“ ist keine Sport-Doku, sondern eine sensible Beobachtung von Menschen, die nichts mehr haben. Oft nicht einmal mehr einen Willen.Mich interessierten die Geschichten und Lebensumstände der Obdachlosen. Als ich meine Jungs kennen gelernt hatte, wusste ich, dass das ein starker Film werden kann. Um Intimität am Set herzustellen, müssen sich die Protagonisten vor der Kamera wohlfühlen. Diese Arbeit habe ich schon vor dem Dreh gemacht, denn ich war mit den Jungs sehr viel unterwegs, habe auch mit ihnen Fußball gespielt und versucht, sie beim Dreh nicht in eine Interviewsituation zu bringen, sondern ihnen das Gefühl zu geben, ein zwangloses Gespräch zu führen. Deshalb haben sie sich geöffnet.Woher stammt die Idee zu „Kick Off“?Die Idee entstand aus einer Aufgabe an der Filmakademie: Dort sollten wir eine 20-minütige Doku für 200 Euro drehen, und das Thema Homeless Street Soccer drängte sich durch meine eigene Street Soccer-Vergangenheit auf. Ich recherchierte viel, und außerdem war das Turnier in Australien, wo ich noch nie war, also dachte ich, das wäre ein nettes Abenteuer. (lacht) Wir sind mit dem Projekt einfach auf Josef Aichholzer zugegangen, der damals gerade den Oscar für „Die Fälscher“ gewonnen hatte. Innerhalb von 4, 5 Stunden haben wir ihn von unserem Projekt überzeugen können. Ein schöner Moment im Film ist, wenn das Team erstmals ein Spiel in Australien gewinnt. Ein Moment, in dem man spürt, dass sich der ganze Aufwand ausgezahlt hat.Wir wussten, dass wir ein gutes Team haben, aber natürlich waren die anderen Länderteams teilweise viel jünger und körperlich fitter. Uns war klar, dass es in Australien im Film nur mehr ums Sportliche gehen würde, und die Geschichten unserer Protagonisten daheim erzählt werden mussten. Als sie begannen zu verlieren, war das sehr schwierig für mich, weil ich plötzlich nicht mehr wusste, wie der Film ausgehen soll. Welche Rolle spielte der Umstand, dass einige der Spieler einen Migrationshintergrund haben?Meine Jungs waren wirklich stolz, für Österreich zu kicken. Aber es ist für Immigranten immer schwierig, herauszufinden, wer man eigentlich ist. Speziell, wenn man hier aufgewachsen ist. Bin ich jetzt Österreicher oder Türke? Das ist eine Art von Identitätssuche, mit der manche nicht klarkommen. Man weiß nicht, welches Verhalten richtig ist. Mit welcher Clique soll man sich abgeben? Welche Musik soll man hören? Haben Sie diese Identitätssuche für sich schon abgeschlossen?Es ist schwierig. Ich selbst bin Kurde, meine Eltern kommen aus der Türkei, meine Frau ist Türkin, aber ich bin in Deutschland aufgewachsen. Ich bezeichne mich heute als Deutsch-Kurde. Ich kann mich nicht als Deutscher bezeichnen, weil ich eben nicht aussehe wie einer. Ich kann aber besser Deutsch als Türkisch. Kurdisch kann ich gar nicht. Und in Österreich? Fühlen Sie sich da heimisch?Schon, aber ich muss sagen: Es ist beunruhigend, wenn sich Leute von dir in der U-Bahn wegsetzen. Das habe ich in Deutschland nie erlebt. Ich hatte mal meinen Schwiegervater zu Gast in Wien und zeigte ihm ganz stolz das Schloss Schönbrunn. Im Bus zurück saß eine Frau mit Kinderwagen, die die ganze Zeit auf mich starrte. Dann begann sie über Moslems zu schimpfen und meinte, die würden ihr Geld nur für Alkohol ausgeben und ihre Kinder nicht impfen. Sie meinte, dadurch würde ihr Kind krank, und dann fing auch noch ihre Kleine im Kinderwagen zu husten an. Doch das Schlimmste war, dass alle Leute im Bus genickt haben. Niemand ist eingeschritten. Mein Schwiegervater bekam ein tolles Bild vom „schönen Wien“. Was erhoffen Sie sich für „Kick Off“?Mir ist wichtig, dass die Migrantenkids in den Film gehen. „Kick Off“ kam beim Publikum auf den Festivals sehr gut an, gerade auch bei den Jungen. Man denkt beim Label „Österreichischer Dokumentarfilm“ nicht unbedingt daran, dass da viele Jugendliche reingehen, aber ich glaube, es kann funktionieren. Wir versuchen auch, mit dem Film an Schulen und in Therapiezentren oder sogar in Gefängnisse zu gehen, und ihn dort zu zeigen, damit die Leute über die Probleme Bescheid wissen. Mein erster Langspielfilm, den ich gerade vorbereite, dreht sich übrigens ebenfalls um das Thema: Es geht um einen 16-jährigen Migranten, der sich durchschlagen muss und irgendwann auf die schiefe Bahn kommt. Sie gelten als ein großes Nachwuchstalent für den österreichischen Film.Das sagen manche meiner Lehrer, und es freut mich. Peter Patzak zum Beispiel, ist ein sehr motivierender Lehrer, weil er mich ermutigt, meinen Weg zu gehen. Mit Michael Haneke habe ich ein intensives Arbeitsverhältnis. Vor jedem Projekt sprechen wir lange über das Drehbuch. Ich glaube, Haneke schätzt an mir, dass ich sehr ehrlich in meinen Filmen bin. Jeder Regisseur sucht nach seiner eigenen Handschrift, und Haneke sagte einmal, er hätte dafür 20 Jahre gebraucht. Er ist für mich ein Vorbild, weil er als Filmemacher perfekt ist. Danach strebe ich auch. Interview: M. Greuling / A. Zawia

Szenenfoto aus "Kick Off"

Fotos: Filmladen

Matthias Greuling Alexandra Zawia









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