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Interview John Lasseter

John Lasseter über seinen neuesten Disneys-Erfolg "Up - Oben" (Kinostart: 17.9.2009)

John Lasseter: "Trickfilme sind nichts Absonderliches"

INTERVIEW

Äußerlich wirkt der Bau mit dem komischen blauen Hut auf dem Dach, mitten in LA noch genau so, wie damals in den 40er Jahren, als Walt Disney ihn mit seiner Mannschaft in Betrieb nahm. Auf dem Gelände sollte der erste Disney-Themenpark entstehen. Zu klein, befand der alte Walt. Der Park wurde in Anaheim errichtet und Burbank bekam die Zentrale. In den altehrwürdigen Mauern, in denen so viele Klassiker des Trickfilms entstanden, sieht es gehörig nach Kindergeburtstag aus. Auf jeder Wand laufen die verschiedensten Disney-Figuren kreuz und quer, ob nun aktuelle wie der Hund aus „Bolt“ oder Legenden wie „Schneewittchen“. In diesen Mauern jedenfalls herrschte im Herbst 2006 Revolution. John Lasseter kehrte zurück. Einstmals gefeuert, weil er zu aufmüpfig war. Nun wieder geholt – als Chef. Ein Gespräch mit dem Trickfilm-Guru. Mr. Lasseter, wie erinnern Sie sich an diesen Tag vor beinahe drei Jahren?John Lasseter: Mein Gefühl war: Disney hatte einfach die Richtung verloren. Hier wurden keine Filme fürs Publikum hergestellt sondern Filme, um die Vorgesetzten zufrieden zu stellen. Das ganze Prozedere erinnerte an Gesetze, die den Kongress und das Repräsentantenhaus durchlaufen müssen, um durchgesetzt zu werden – einfach bizarr. Das Letzte, woran hier gedacht wurde, waren Publikum und der jeweils aktuelle Film. Also habe ich mich hingestellt und den Leuten von meinem Traum oder besser Albtraum erzählt. Was ist der Albtraum?Eine Geschichte, die ich selber erlebt habe. Wir waren zusammen im Kino, die ganze Familie. Der Film war nicht besonders gut. Plötzlich beugt sich mein Sohn Jackson, der damals noch nicht schreiben konnte, zu mir herüber und fragt: „Papa, wie viele Buchstaben hat mein Name?“ Ich musste laut lachen. Denn das ist der schlimmste Albtraum, der einem Filmemacher passieren kann. Man steckt alle Energie in diesen einen Film. Und dann interessiert sich kein Mensch dafür. Stattdessen fragt sich ein kleiner Junge, wie sein Name zusammengesetzt ist. Wenn das in einem meiner Filme passiert, dann wäre ich fertig mit mir und der Welt. Das habe ich den Leuten erzählt.Und wie haben Sie Ihnen Hoffnung gemacht?Ihnen von meiner Arbeit bei Pixar erzählt. Wir haben da etwas gelernt, das wir jetzt bei Disney anwenden können. Ganz simpel: Schaffe eine Atmosphäre, in der die Menschen gern arbeiten. Nimm ihnen den Druck, so weit es geht. Nach einem Filmstart setzen wir uns hin und sprechen darüber, was gut war und was schlecht. Aber nicht, wie es früher war, um mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Sondern um insgesamt als Team etwas daraus zu lernen.Gibt es den Lieblingstrickfilm für Sie?Na klar, den hat doch jeder. Die Leute sind immer ganz erstaunt, wenn ich keinen Pixar-Film auswähle. Der schönste Disney-Film aller Zeiten ist für mich „Dumbo“. Und nicht etwa, weil ich langsam elefantöse Ausmaße annehme, wie böse Menschen behaupten. Es sind diese Wahnsinnsbilder, die mich immer noch beeindrucken. Wenn man bedenkt, welche Technik es damals gab und was wir heute können, könnte man glatt an Zauberei glauben.Wenn man Sie reden hört, dann fällt auf, dass Sie ziemlich oft den Zusatz Trick weglassen und nur von Filmen sprechen.Richtig. Und das ärgert mich auch ziemlich. Gibt es denn spezielle Kinosäle, in denen Trickfilme und nur Trickfilme gezeigt werden? Nein, gibt es nicht. Und deshalb ist es auch Quatsch, immer so zu tun, als wäre Animation etwas Absonderliches oder etwas für Kinder.Klingt so, als würden Sie auf eine Veränderung bei den Oscars hoffen?Natürlich. Wenn Dich ein Trickfilm im entsprechenden Jahr nun einmal am meisten angesprochen hat, dann sollte er auch in der Kategorie „Bester Film“ auftauchen können. Genau so wie ein Dokumentarfilm. Auch diese Filme sollten ihren Exotenstatus verlieren. Ich bin zum Beispiel der festen Überzeugung, dass „WALL-E“ einer der fünf besten Filme des Jahres 2008 gewesen ist. Und deshalb wäre es auch nur fair gewesen, wenn er eine Nominierung als bester Film bekommen würde. Ähnlich sehe ich das im Fall von „Oben“. Ich lese hymnische Kritiken, dass sich dieser Film nicht verstecken müsste vor den großen Dramen. Aber im Januar wird es bestimmt wieder so aussehen, dass „Oben“ in die Kategorie Trickfilm gesteckt wird.Was halten Sie eigentlich von den Trends, die es beim Animationsfilm gibt?Trends sind generell gut, weil sie frische Ideen bringen. Was schlecht ist, das sind Dogmen. Ich habe es damals nicht verstanden, als Disney die Entscheidung getroffen hatte, mit der klassischen Animation aufzuhören und so zu tun, als würden alle Menschen nur noch Trickfilme aus dem Computer sehen wollen. So ein Quatsch! Der einzige Punkt ist doch: Die Zuschauer wollen keine schlechten Filme sehen! Es ist noch nie das Medium oder die Machart eines Filmes gewesen, das die Menschen in die Kinos getrieben hat. Es geht immer um gute Geschichten. Es geht um starke Charaktere. Diese Entscheidung haben wir bei Disney rückgängig gemacht. Das Studio, das „Schneewittchen“ machte, ist immer noch da und wird klassische Filme produzieren.Auf dem Filmfestival von Venedig ehrt man sie jetzt für Ihr Lebenswerk. Zu früh?Jeder, der sagt, wurde aber auch mal Zeit, hat diesen Preis nicht verdient. Es muss immer so sein, dass es in einem brennt, dass man noch was erreichen will. Natürlich ist so ein Preis eine Ehre. Aber eine viele größere Ehre wäre es für mich, wenn man endlich beginnen würde, den Animationsfilm ernst zu nehmen. Wenn ich dazu beitragen kann, dass das ein bisschen mehr gelingt, bin ich zufrieden mit meinem Lebenswerk.-Interview: Peter Beddies

John Lasseter

Fotos: Tuma; Universal

Das komplette Interview lesen Sie in celluloid Ausgabe 5/2009









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