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Interview Michael Haneke

Mit „Das Weiße Band“ gewannt Regisseur Michael Haneke beim 62. Filmfestival in Cannes die Goldene Palme für den Besten Spielfilm. celluloid traf Haneke zum Interview über "Das weiße Band" (Kinostart: 25.9.2009)

Michael Haneke

Michael Haneke: "Ideologien sind unmenschlich"

INTERVIEW

Herr Haneke, der Film „Das weiße Band“ war ursprünglich als Fernseh-Dreiteiler konzipiert und lag viele Jahre in der Schublade. Wieso konnten Sie den Film damals nicht realisieren?MICHAEL HANEKE: Der Film konnte damals nicht hergestellt werden, weil er dem Fernsehen zu teuer war. Daraufhin habe ich das Drehbuch in die Schublade gelegt, so wie ich das schon mit einigen meiner Projekte machen musste. Auch auf die Realisierung von „Wolfzeit“ musste ich lange warten. Später habe ich dann das Drehbuch gekürzt und zu einer Kinofassung umgeschrieben. Wieviel von der TV-Fassung mussten Sie kürzen?Es gab viel mehr Szenen, aber mehr oder weniger die gleichen Figuren. Es ist ein sehr mühsamer Prozess, eine bereits fertige Sache umzuschreiben. Jean-Claude Carriere half mir dabei sehr, weil es mir schwer fällt, meine eigenen Sachen zu kürzen. Ich habe auch etliche ästhetische Änderungen vorgenommen, weil man sich im Kinofilm erlauben kann, höhere Anforderungen an den Zuschauer zu stellen als im Fernsehen. Dort muss es immer ein bisschen der Holzhammer sein. Ist es frustrierend für einen Regisseur, der bereits so großes Ansehen genießt, trotzdem jahrelang auf die Realisierung von Projekten warten zu müssen?Ich bin das schon gewöhnt (lacht). Ich kann mich aber nicht beklagen, denn ich hatte die Möglichkeit, die ganzen letzten Jahre kontinuierlich zu arbeiten. Ich habe noch einige fertige Drehbücher in der Schublade, zum Beispiel für eine 12-teilige Science-Fiction-Serie, die wahrscheinlich nie gemacht werden wird.Ist „Das weiße Band“ auch ein Kommentar zu aktuellen politischen Entwicklungen?Ein aktueller politischer Kommentar war nicht die Absicht dieses Films. Natürlich erhält er durch den religiösen Fanatismus und Terrorismus, der heute herrscht, eine zusätzliche Dimension von Aktualität. Ich meine damit den islamistischen Terror, denn in „Das weiße Band“ geht es natürlich auch um die Wurzeln des Faschismus, aber nicht ausschließlich. Es geht um die Wurzel jeder Art von Terrorismus. Indem ich irgendeine Idee verabsolutiere und sie zur Ideologie mache, wird sie unmenschlich und wendet sich gegen alle, die nicht dieser Ideologie folgen. Die Anhänger der Ideologie fühlen sich dann autorisiert, die anderen dahin zu zwingen, wo sie sie haben wollen. Das gilt sowohl für den Rechtsfaschismus wie für den Linksfaschismus sowie für christliche oder andere Religionen. Was halten Sie von Religion im Allgemeinen? Bringen alle Religionen Schuldgefühle?Die Schuldproblematik ist ein wesentliches Merkmal der jüdisch-christlichen Tradition. Ich kenne andere Religionen zu wenig gut, um dazu etwas sagen zu können. Doch das Problem der Schuld ist nicht allein ein religiöses, sondern auch ein philosophisches. Schuld muss auch nicht immer ein negatives Gefühl sein. Das Bewusstsein, schuldig zu sein, kann auch dazu provozieren, mitmenschlicher zu sein. Schuldig werden heißt nicht, absichtlich böse zu sein. Wir in der westlichen Welt mit unserem Wohlstand leben zum Beispiel auf den Schultern der Dritten Welt. Wir sind letztlich schuld daran, können ein schlechtes Gewissen haben, aber es ändert nichts.Wieso drehten Sie „Das weiße Band“ in Schwarzweiß?Ich drehte den Film in Schwarzweiß, weil alle Bilder aus dieser Zeit, in der er spielt, Schwarzweiß-Bilder sind. Wenn Sie heute einen Film über das 18. Jahrhundert drehen, dann werden Sie das in Farbe tun, weil das einzige, was man an Bilddokumenten hat, Gemälde sind, und die sind im Allgemeinen farbig. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Film erfunden, daher denken wir diese Zeit in Schwarzweiß. So lag es nahe, das zu tun. Außerdem liebe ich Schwarzweiß, und ich ergreife jede Gelegenheit, in Schwarzweiß zu drehen. Noch dazu wählte ich Schwarzweiß, weil dieser falsche Naturalismus der Farbe das Geschehen etwas distanziert, respektive von einer größeren Distanz darauf schauen lässt. Wir drehten das Original in Farbe. Das Schwarzweiß-Material, das es heute noch gibt, wäre zu wenig lichtempfindlich, um Szenen bei Kerzenlicht zu drehen. Daher haben wir die Farbe in der Nachbearbeitung rausgenommen.Glauben Sie, dass es Tendenzen zu Totalitarismen überall auf der Welt gibt?Ich glaube, die Wurzeln für Totalitarismus gibt es in jeder Gesellschaft. Die Gefahr ist immer gegeben: Die Gefahr, eine positive Sache zu verabsolutieren. Protestantische Religion, wie in diesem Fall, ist ja nichts Negatives. In dem Moment, in dem ich sie zum Maß aller Dinge mache und sie fanatisch verabsolutiere, wird sie unmenschlich. Alle Menschen, die innerhalb einer philosphischen Gemeinschaft oder einer Religion leben, wissen natürlich um die Regeln, an die sie sich halten sollten. Nur sie halten sich eben nicht daran, sonst wären sie ja keine Menschen, sondern Götter. In dem Moment, in dem ich sage, alle Menschen müssen sich an die geltenden Regeln halten, werde ich unmenschlich und fühle mich legitimiert, all jene zu bestrafen, die sich den Regeln nicht fügen wollen. Eine Idee kann etwas sehr Schönes sein, sobald sie Ideologie wird, kippt sie ins genaue Gegenteil. das Negative entwickeln kann.Sie werden 2010 in Madrid „Cosi fan tutte“ an der Oper inszenieren. Ist das ein Tribut an Ihre Liebe zur Musik?Ja! Es war mein Traum, Dirigent zu werden, aber leider hatte ich dazu zu wenig Talent. Mein Stiefvater war Komponist und Dirigent und sagte mir früh genug, dass das Talent dazu nicht reicht. In Ihren Filmen hingegen setzen Sie kaum Musik ein…In keinem meiner Filme gibt es Musik, weil mir die Musik zu wichtig ist, um sie zu verwenden um meine Fehler zu kaschieren.Welche Meinung haben Sie zu Auszeichnungen wie der Goldenen Palme?Jeder, der zu einem Festival fährt und dort an einem Wettbewerb teilnimmt, will natürlich auch gewinnen. Ich freue mich sehr über diesen Preis, das ist der bisherige Höhepunkt meiner Karriere. - Interview: Matthias Greuling

Szenenfoto aus "Das weiße Band"

Fotos: Tuma; Filmladen

Filmkritik zu "Das weiße Band"Mehr Infos zum Film (offizielle Website)









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