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In "Little Alien" porträtiert Nina Kusturica jugendliche Asylwerber
Nina Kusturica
Nina Kusturica in unbekannten Welten
INTERVIEW
Wer im österreichischen Bundesasylamt nach hilfreichen Informationen sucht, wird mit Klängen des Donauwalzers aus einem Automaten begrüßt. „Denken Sie daran, den Schlepperorganisationen geht es um Ihr Geld, nicht um Sie als Mensch“, erklärt die mechanische Stimme – und so absurd diese Szenerie ist, Regisseurin Nina Kusturica reiht sie in ihrem Dokumentarfilm „Little Alien“ über jugendliche Asylwerber beiläufig ein. Zu viele absurde Szenen gibt es in deren Alltag, den Kusturica ein Jahr lang mit der Kamera begleitet hat. Nüchtern, aber nie teilnahmslos reflektiert der Film sowohl auf einzelne Schicksale als auch das groteske System, das sie produziert – aber jede Haftung ausschließt. Kusturica, die 1975 in Mostar in Bosnien-Herzegowina geboren wurde, ist während des Krieges 1992 mit ihrer Familie selbst nach Wien geflüchtet, „weil wir den einzigen Buschauffeur der Strecke gut kannten und meine Schwester in Wien studierte.“ Hier absolvierte sie die Filmakademie in Schnitt und Regie; ihre filmische Diplomarbeit, der 90-minütige Spielfilm "Auswege" über Gewalt in der Familie, war bei der "Berlinale" im "Forum des Jungen Films 2004" für den "First Steps Award" Award" nominiert, lief als Eröffnungsfilm bei der Diagonale '03, erhielt den "Goldenen Bobby" als herausragende Leistung auf dem Gebiet des Spielfilms und wurde bei zahlreichen Festivals gezeigt. Nachdem sie mit Kollegin Eva Testor die Wiener Produktionsfirma „Mobilefilm“ gegründet hatte, realisierte Kusturica 2005 das einstündige Porträt "24 Wirklichkeiten in der Sekunde" über Michael Haneke. Am 9. Oktober startet ihr Dokumentarfilm „Little Alien“ in den Kinos und „vielleicht gibt es dann schon gute Nachrichten von den Jugendlichen“, hofft Kusturica. Celluloid erreichte sie in Bosnien, wo sie gerade für ihr neues Projekt recherchiert: „Einen Spielfilm, eine Kombinationsgeschichte zwischen Bosnien und Österreich, in dem es auch um die Geschichte beider Länder geht, um die wirtschaftlichen Entwicklungen, die die Gesellschaft hier in Bosnien verändern.“ Zum bekannten Filmemacher Emir Kusturica bestehe übrigens eine „weitentfernte Verwandschaft väterlicherseits, aber kein familiärer Kontakt“, wie sie ganz ungenervt erklärt. Wie kam es zur Entstehung von „Little Alien“?Immer, bevor ich einen Film angehe, interessieren mich Themen, die da sind, die um die Ecke liegen, aber auf die man nicht wirklich achtet. Dann recherchiere ich. Wie in den Medien über Flucht und Migration berichtet wird, fand ich immer sehr einseitig. Ich habe angefangen, zu recherchieren, was hinter solchen Geschichten liegt. Da sind plötzlich viele Welten aufgegangen, von denen viele Menschen gar nichts wissen. Das fängt schon damit an, dass es die Gruppe der „Migranten“ gar nicht gibt. Die sind keine Gruppe, sondern einzelne Menschen – ich bin selber eingewandert, habe aber vielleicht mit Chinesen mehr gemeinsam, als mit anderen Migranten – oder sogar mit anderen Bosniern.Welche Drehbeschränkungen mussten Sie einhalten?Direkt im Lager Traiskirchen durften wir nicht drehen, wir haben die Leute eben außerhalb getroffen. Absolut nicht filmen durften wir die Einvernahmen der Asyl-Antragsteller am BMI. Es wurde damit argumentiert, dass man die Leute schützen müsste und unser Film generell ein Risiko darstelle, denn die Antragsteller würden so einer Öffentlichkeit ausgesetzt, die ihnen in ihrem Heimatland schaden könnte. Dann hätten Sie Anspruch auf den so genannten „Nachflucht-Grund“, einen Asylantrag zu stellen.Fühlen Sie sich selbst auch wie ein Alien in Wien?Ich bin ja in Sarajevo aufgewachsen und seit 1992 hier. Jetzt bin ich überall ein Alien, sowohl hier als dort, weil es während der Zeit, die ich in Bosien gefehlt habe, viele gesellschaftliche Entwicklungen gegeben hat, von denen ich jetzt aus der Zeitung erfahre. Da ist ein Loch, man spürt das, das sind jetzt zwei Welten, in die ich beide gehöre. Aber auch wenn das typische „Heimatgefühl“ fehlt, ich schöpfe gerade daraus Kraft. Man kann das in Stärke umwandeln.Was hat Sie bei der Arbeit an diesem Film selbst am meisten überrascht?Drei Dinge: Dass das System so losgelöst von der Realität funktionieren soll, die bürokratischen Ebenen so überhaupt nichts mit realem Leben zu tun haben. Das weiss man ohnehin, wusste auch ich schon vorher, aber trotzdem. Ebenso die Tatsache, dass Geld alle Türen öffnet. Und zwar alle Türen öffnet, ohne dabei Narben zu hinterlassen. Die Schlepper arbeiten mit der Grenzpolizei zusammen, jeder will verdienen. Hast du genug Geld, kommst du ohne Probleme durch. Und: Dass jeder Mensch eine innere Kraft hat, die schwer zu zerstören ist. Dass der Mensch viel Energie entwickeln kann. dass man aus sich selbst viel herausholen kann. Das hat mir Mut und Hoffnung gemacht.-Interview: Klara Verthoer
Szenenfoto aus "Little Alien"
Fotos: Mobilefilm
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