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Sogar die großen Volksparteien, die das Christliche angeblich hoch halten, wollen jetzt schon Menschen wegsperren. Ich rede da schon gar nicht mehr gerne darüber, denn ich bin nur entsetzt: Als ich gestern in den Nachrichten wieder dieses Gesicht von ihr (Frau Fekter, Anm.) gesehen habe: Man sieht das ja schon an der Physiognomie, ihre Härte, ihre Strenge, dass sich diese Frau für irgendetwas rächen will, was man irgendwann einmal erfahren wird. F: Ihr neuer Film hat mich in gewisser Weise an Fellinis „8 1/2“ erinnert, insofern, dass sich der Künstler mit seiner Arbeit selbst thematisiert. K: Den Film habe ich irgendwann in meiner Jugend gesehen, er ist mir nicht mehr präsent. Aber ich muss auch sagen, dass ich jemand bin, der nicht vergleicht, ob nun Filme oder Thematiken. Ich schaue mir ja auch nicht „Hamlet“ in Berlin, Düsseldorf und Wien an und vergleiche dann, sondern ich habe ihn einmal gesehen und das reicht mir. Damit fange ich nichts an. Im übrigen schaue ich mir auch fast keine Filme mehr an – außer die, die ich anschauen muss. Ein Freund hat mich zuletzt überredet, mir „Avatar“ im Kino anzusehen, weil das angeblich die Revolution ist. Das 3D hat mich schwindlig gemacht und außerdem hasse ich es, manipuliert zu werden. Denn bei diesem Film wird man gefangen genommen und kann sich nicht mehr wehren. Auch wenn er in diesem gezeigten Märtyrerschicksal mit einer Poesie spielt, die ich sehr empfindsam und schön empfinde. Aber wann kommt endlich der Ruhepol? Ich halte auch dieses neue Sounddesign einfach nicht mehr aus und merke sogar, dass ich es in meinen Filmen selbst schon benutze. Das werde und muss ich wieder abbauen. Der Sound in meinen Filmen darf nicht Restbestände eines amerikanischen Designerkinos übernehmen.F: Eine andere Thematik die in Ihrem Film sehr stark zum Ausdruck kommt, ist die „Casting-Situation“, die Sie selbst als Schauspieler ja auch kennen. Wie viel spielt da mit rein?K: Ich habe mein ganzes Leben lang nie an einem Casting teilgenommen und mache auch selbst als Regisseur im eigentlichen Sinne keine. Denn ich sehe, sobald jemand hereinkommt, ob der- oder diejenige für die Rolle geeignet ist. Das ist eher Smalltalk, als ein Casting. Und dass ich selbst nie an Castings teilgenommen habe erkläre ich mir durch meine extreme Erscheinung. Ein Monster besetzt man nur einmal. Und wenn man eines braucht, dann besetzt man Peter Kern. (lacht) Aber die Szene im Film mit den beiden Titten finde ich eigentlich sehr traurig, das ist für mich nicht lustig, dass man sich so entblößen muss.F: „King Kong“ ist in diesem Sinne ja auch sehr spannend: Sie als jemand der aus der Großfeldsiedlung in die Stadt kommt.K: Die Geschichte steht als Metapher für eine bestimmte Situation, die mit unserem Beruf zu tun hat. Wie geht man mit Künstlern um? Wie viel Respekt ist den Künstlern gegenüber vorhanden? Wo beginnt man die Kunst zu dezimieren? Und wie ist die Rezeption dieser Kunst.F: Aber die e-mail, die am Anfang des Films exemplarisch für die negativen Reaktionen gegenüber Ihren Filmen steht, hat mit der Entstehung dieses Films nichts zu tun?K: Richtig. Das ist ein Brief, den ich nach der Premiere von „Blutsfreundschaft“ erhalten habe. Es war eine spontane Idee, diesen Brief an den Anfang des Films zu stellen. Das verdeutlicht nämlich die Position, dass es jemanden in der Rezeption gibt, der nichts zulassen will. Jemand, der nach seiner Gesetzeswelt lebt. Auch das ist Thema unseres Films: Ist Kunst etwas, das sich nach einer Mehrheit richten muss?F: Reden wir ein bisschen über Politik – Sie haben letztes Jahr auch bei den Wiener Grünen kandidiert...K: (lacht) Ich wollte mal wissen, wie das überhaupt abläuft. In meiner Naivität dachte ich mir: Als Künstler schaffst du keine Veränderung in diesem Land. Du weckst Menschen zwar auf und polarisierst sie – und sie beginnen dich zu verletzen, weil sie sich verletzt fühlen – im Endeffekt frage ich mich aber: Wo liegt der Prozess, der etwas weitertreibt? Was kann ich mit meinen Filmen erreichen? Ich will mein Publikum ja auch unterhalten und nicht nur schwere Kost liefern. Mein Hauptthema ist der Umgang mit Menschen. Und wenn sie genau schauen, dann sehen Sie, dass sich in meinen Filmen immer die Gefängnisse öffnen – bei mir kommen die Leute immer frei. Ich bin seit Jahrzehnten durch Jean Genet beeinflusst – um ihn wird es auch in meinem nächsten Film gehen, an dem Josef Winkler und ich arbeiten. F: Wie war es eigentlich für Sie, in dieser Doppelrolle Schauspieler und Regisseur gleichzeitig zu stecken?K: Schwer. Teilweise sehen Sie, dass ich noch im Bild Regie führe. Beispielsweise bei der Szene am Arbeitsamt, wo wir die Hymne singen und die Kamera nicht weit genug runter schwenkt und ich dann anfange lauter zu singen. Oft habe ich während des Spiels noch mit den Fingern Anweisungen gegeben. Aber ich merke es, dass ich in diesen Momenten unkonzentriert bin. Bei dieser Produktion, die lediglich vom BMUKK gefördert wurde, hatten wir nur 14 Tage Drehzeit und nur 120.000€ zur Verfügung – Geld das in die Technik geflossen ist. F: Trotz der niedrigen Subventionen lassen Sie sich aber nicht unterkriegen und gehen Ihren Weg.K: Es geht auch nicht anders. Wie will man denn sonst auf konkrete politische Situationen reagieren? Bei den Förderstellen wird alles so lange hinausgezögert, wenn man sich darauf verlassen würde, ist alles wieder vorbei. Und so liebe ich diese kleinen, schmutzigen Filme, die spontan mit irgendwelchen Gehältern und Rückstellung finanziert werden. Das ist ein System, das bereits Fassbinder praktiziert hat. F: Mit dem Sie auch noch andere Parallelen verbinden. Dieses Guerilla-Filmemachen ist auch bei Ihnen sichtbar vorhanden.K: Ja, deshalb sind diese Filme auch angreifbarer, weil Sie eben, wie Sie sagen, guerillamäßig sind. Das ist alles wie ein großer Atemhauch, der dem Zuschauer praktisch in die Fresse geworfen wird. Aber das ist auch eine Qualität: Hier ist nichts glatt gebügelt, sondern alles ehrlich und wahrhaftig – und das schließt auch „the lack of money“ ein. Mir ist aber wichtiger, einen ehrlichen Film vor mir zu haben und nicht einen, der das zu verschleiern versucht. Meine Filme zeigen immer, was sie gekostet haben: In Inhalt, Form und großer Leidenschaft. F: Das trifft bei anderen österreichischen Filmen ja nicht unbedingt zu.K: Ich habe vor kurzem der AFC ein Interview gegeben, und die haben mir eine ähnliche Aussage gestrichen, weil sie meinten: „Sie schaffen sich schon wieder Feinde“. Und das, weil ich sagte, dass es in diesem Land usus ist, dass die Produzenten ihre Filme finanzieren und dabei schon verdienen. Niemand geht mehr mit einem Film ins Risiko. Das ist aber kein Angriff auf die Produzenten. Denn es ist schier unmöglich, im eigenen Land das zu erwirtschaften, was ein Film gekostet hat. Daher brauchen wir eine Förderung. Nur sind die zuständigen Politiker noch immer nicht drauf gekommen, dass wir eigentlich das Zehnfache brauchen, um auf dem internationalen Markt bestehen zu können. Wir haben ein unheimliches Glück mit den Oscars, worin sich die Politiker baden. Aber was bedeutet der Oscar? Es heißt, wir sind bereits in eine gewisse Form von Kino eingekauft sind, die vielleicht nicht jeder machen möchte. Und es bedeutet auch die Akzeptanz einer Politik, die im weitesten Sinne auch den Irakkrieg zu verantworten hat. Das ist natürlich überhöht dargestellt. Ich würde den Oscar zwar annehmen, aber nur, weil ich dann meine Filme leichter finanzieren könnte. Aber ich will nicht mehr jammern. Man soll mir nur ermöglichen, meine Filme zu machen. Das war das Schöne an der Zusammenarbeit mit Novotony. Die haben mich freigeschaufelt von dem Nachdenken über die Finanzierung. Novotny hat mir „Blutsfreundschaft“ ermöglicht und mir damit die Würde zurückgegeben, die ich in diesem Land nie hatte. In Deutschland ist das anders: Da steht schon in der Presseaussendung des Berlinale-Panoramas „Inspirator des Neuen Deutschen Films“. Mir ist es egal, ob ich als Inspirator gelte, oder nicht. F: Wäre es dann nicht auch die Idee, generell raus zu wollen aus dem Kinobetrieb und sich andere Vertriebswege zu suchen um seine Visionen ans Publikum zu bringen?K: Kluge Frage! Denn nachdem man alles durch gestanden hat und der Film fertig ist, kommen Verleiher, Kinobesitzer oder Zensoren, die alle noch einmal Einfluss nehmen wollen. Das will ich ändern und wir sind bereits bei der Entwicklung eines eigenen Streamings. Darüber rede ich schon zwei Jahre, aber jetzt bin ich ernsthaft in Gesprächen mit einer großen Tageszeitung, die das realisieren will. Und das wird dann ein wirklicher Spielplatz! Publikumsnah, aber weg von dem biederen, spießigen und meinungslosen ORF, der mitverantwortlich ist für den Zustand in diesem Lande.F: Lassen Sie uns noch ein wenig über „Blutsfreundschaft“ sprechen. Das Schöne für mich an dem Film ist, dass er nicht pauschal verurteilt – Neonazis dürfen Gefühle zeigen, sie können sich verändern. Vielleicht liegt darin auch ein Teil der negativen Rezeption begründet: Das politisch links stehende Publikum sagt: So wollen wir sie nicht sehen, das untergräbt ja unsere ganze Argumentation. Und das rechts stehende Publikum lehnt den Film von Haus aus ab. K: Das unterstreiche ich so. Es war für mich wichtig, nicht gleich eine Analyse mitzuliefern. Axel sollte Lust empfinden, wenn er bei den Nazis ist. Er muss selbst darauf kommen, dass ihn das verblödet und eine Lehre für Gewalt darstellt. Und das passiert. Er wird zum Mörder, hineingestoßen in etwas, das mit ihm nichts zu tun hat. Damit erklärt sich für mich sein ganzes Schicksal. Ich bin der Meinung, man kann eine Gefahr nur erkennen, wenn man sie ernst nimmt. Es ist nicht Aufgabe der Kunst zu sagen: Das ist gut, und das ist schlecht. Wenn ich sage: Strache ist schlecht – dann ist das noch lange kein Grund ihn nicht zu wählen. Die Erklärung einer Geschichte soll in den Köpfen der Zuschauer geschehen.F: Worum wird es in Ihrem nächsten Projekt zu Jean Genet gehen?K: In „Mettray“ geht es um eine Gesellschaft schwer erziehbarer Jugendlicher im Alter von 12 bis 18 Jahren, die ein eigenes System aufbauen. Die heiraten und auch Leute innerhalb ihres Systems umbringen. Sie sind ohnehin ausgestoßene und haben dadurch einen unheimlichen Freiraum, die Unterdrückungsmechanismen der Aufseher zu leben und zu planen. Es ist interessant zu sehen, wie sich hier Kriminalität in System auflöst.F: Also ein bisschen wie bei „Salò“?K: Genau. F: Ich möchte im zweiten Teil des Gesprächs ein bisschen über Ihre Karriere als Ganzes sprechen. Zwar habe ich viele Interviews mit Ihnen gelesen, aber eine ganz einfache Frage ist für mich immer unbeantwortet geblieben: Wie sind Sie überhaupt zur Schauspielerei gekommen?K: Als ich bei den Wiener Sängerknaben war, habe ich mich bereits im Augarten immer im Gebüsch versteckt und dort Szenen meiner Eltern gespielt, wohl wissend, dass ich von den anderen beobachtet werde. Irgendwie war ich nie fähig, meine Traurigkeit oder mein Anderssein – ich war immer schon dick – anders auszudrücken als dadurch, mich auszustellen. Auch schon in meiner Kindheit habe ich meinen Eltern die Szenen ihrer Ehe vorgespielt und war eine große Belustigung. Manchmal habe ich eine in die Goschn gekriegt, wenn ich das gemacht habe und Gäste da waren (lacht). Die Lust am Verkleiden und Wiedergeben meiner Beobachtungen liegt schon seit meiner Kindheit in mir. Mit 14 bin ich zum Wiener Amateurtheater gekommen und habe dort meine ersten Rollen gespielt. In Fernando Arrabals „Fando und Lis“ zum Beispiel.F: Zwei Filmtitel aus Ihren Anfängen, die ich gefunden habe, heißen „Heiße Teens aus gutem Haus“ und „Komm in die Wanne, Schätzchen“.K: (lacht) An „Heiße Teens aus gutem Haus erinnere ich mich nicht – es gibt noch einen anderen Schauspieler namens Peter Kern, vielleicht war der das. „Komm in die Wanne, Schätzchen“ war, glaube ich, mein erster Film. Regie führte einer von den Gründgens. Ich spielte einen Kiffer mit Riesenjoints, der immer in Abbruchhäusern rum hing und rauchte. An die Geschichte erinnere ich mich nicht mehr. Aber Diether Krebs, der später ein großer Kabarettist wurde spielte da mit. Ich war ja selbst ein Hippie und habe im Musical „Hair“ viele Jahre gespielt und sozusagen der erste, der in Wien zu „Let the Sunshine in“ getanzt hat. Es war Peter Lilienthal, der mich noch mit langen Haaren entdeckt, und sie mir dann abgeschnitten hat, mit dem Film „Jakob von Gunten“ nach Robert Walser. Ich spielte einen bösen, eifersüchtigen Hauswart. Das war mit Hanna Schygulla. F: Das war war dann gewissermaßen auch das Eingangstor zum Neuen Deutschen Film für Sie?K. Ich lebte in Deutschland und wurde von einem zum anderen gewissermaßen als Exotikum herumgereicht. Ich war ja kein Fassbinder-Schauspieler im eigentlichen Sinne. Mit Syberberg habe ich in „Ludwig“ und „Hitler“ gespielt, dann mit Geißendörfer und Wim Wenders. „Falsche Bewegung“ war das. Und Nastassja Kinski hatte darin ihren ersten Auftritt.F: Haben Sie ihren Vater je getroffen?K: Er war einmal beim Dreh dabei. Ein faszinierender, toller Mann. Nur die Töchter... von Pola hört man ja überhaupt nichts mehr, die war doch auch Schauspielerin. Und die „Stasi“ habe ich vor kurzem in einer Talkshow gesehen, da war sie ganz verängstigt und ich dachte mir nur: Du warst doch mal ein Hollywood-Star. Der hat man scheinbar auch das Leben rausgeprügelt.F: Kinskis Sohn ist dafür jetzt sehr aktiv...K: Ich finde, er überschätzt sich ein bisschen. Er ist ein intelligenter Junge, aber in meinen Augen kein guter Schauspieler. Das ist eben das Problem, wenn man einen Vater im Buckel hat, den man nicht erreichen kann – egal ob man Sohn oder Tochter ist.F: Zwei weitere interessante Filme aus den 70ern, die sie abseits des Neuen Deutschen Films gedreht haben sind Carlo Lizzanis „Kleinhoff Hotel“...K: Mit Corinne Clery! Lizzani ist ein wunderbarer Regisseur und es war schön, mit ihm zusammen zu arbeiten, aber an mehr kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Ich weiß aber nicht mehr, worum es ging und was ich gespielt habe. Etwa zur gleichen Zeit habe ich einen Hollywoodfilm gemacht mit Rod Amateau, der hieß „Hitlers Son“. Der ist geil. Mit Bud Cort. Der hat in „Harold und Maude“ den „Harold“ gespielt. Das war ein Abschreibungsfilm, der von einem guten Freund von mir, Dieter Schiedor, der später „Querele“ produzierte, und Burkhart Driest produziert wurde. Der hat den Kitzler einer reichen Dame aus der Schweiz von Zeit zu Zeit bearbeitet und dann floss wieder Geld. F: Ein weiterer interessanter Film ist „Gruppenbild mit Dame“ mit Romy Schneider von Aleksander Petrovic. K: Da habe ich auch mit Dieter Schidor ein Paar gespielt. Aber das war so ein schlechter Film – ich habe ihn nie ganz zu Ende gesehen, weil ich mich so gelangweilt habe. Der hat immer nur mit Großaufnahmen gearbeitet und man wusste nie, in welchen Räumen oder welcher Zeit man sich befindet. Der Film wurde von Artur Brauner finanziert. An Romy kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Nur an Dieter. Einer meiner besten Freunde, der wie viele andere meiner besten Freunde an AIDS gestorben ist. Es ist ein Rätsel, dass ich noch lebe. Fassbinders Freund war einer der ersten, die an AIDS gestorben sind und dann kamen einer nach dem anderen an die Reihe. Ich vermute, das liegt daran, dass sie viel Analsex hatten und ich überhaupt nicht. Das hat wahrscheinlich mein Leben gerettet.Dieters letzte Produktion war „Querelle“, die er Werner Schroeter weggenommen und Fassbinder gegeben hatte, um ihn besser verkaufen zu können. Ich war damals eine Zeit in Berlin – und das war eine ganz traurige Arbeit. Das war nämlich – und das liest man in keiner Biografie – das Vegetieren von Rainer Werner Fassbinder. Er hat nur noch in seiner eigenen Scheiße gelebt. Am Set waren Stars wie Franco Nero und Jeanne Moreau, nur er hatte keine Lust zu kommen und war noch um zwei Uhr Nachmittags zu Hause. Dieter hat ihn dann abgeholt und angezogen und dann sagte Fassbinder: „Ich möchte dir gerne ein Handtäschchen kaufen“. Am Ku’Damm sind sie dann in irgendein Geschäft um ihm ein Handtäschchen zu kaufen. Und dann sind sie noch zu „Budapester“ ein bekanntes Schuhgeschäft, wo Fassbinder ihm noch Stöckelschuhe gekauft hat. Dieter musste dann in Stöckelschuhen und mit Tasche am Ku’Damm vor Fassbinder wie eine Hure herlaufen, währenddessen Moreau und Nero und alle anderen gewartet haben. F: Das fällt ja auch in etwa zeitgleich zu Ihrem Regiedebüt, Anfang der 80er.K: Ich glaube, das war „Crazy Boys“. Kann aber auch sein, dass das nach dem Tod Fassbinders war.F: Einer ihrer ersten Filme trägt den wunderschönen Titel „Insel der blutigen Plantage“ aus dem Jahr 1983.K: Ein ganz toller Film. Das ist das absolute Machwerk. Ein Rendezvous mit dem Bösen. Den haben wir auf den Philippinen gedreht, meinem Lieblingsland übrigens. Ich liebe die Menschen dort, vor allem die jungen Männer. Es war ein reiner Zufall, dass ich dort hingekommen bin. Ich war in Recklinghausen, wo ich bei einem Brecht Stück mitspielen sollte und zehn Tage Zeit um Urlaub zu machen. Da habe ich von einem Gedicht geträumt, „Noli me tangere“ von José Rizal, bin aufgewacht und wusste, dass ich dort hin will. Das ist der weiteste Punkt weg von Deutschland. Ich erinnere mich, dass ich mir rasch alle Impfungen geholt habe und mit Pakistan Airlines geflogen. An Bord gab es Curry Chicken. In Karadschi hatten wir acht Stunden Aufenthalt und man reichte uns wieder Curry Chicken. Auf dem Flug nach Manila gab es erneut Curry Chicken (lacht). Schon bei meiner Ankunft in Manila habe ich mich in dieses Land verliebt. Dort habe ich auch zwei wunderschöne Dokumentarfilme gedreht: „Die Wasserlilie blüht nicht mehr“ heißt der eine und „Die Bootsmänner von Pagsanjang“ – ein phänomenaler Ort, an dem ich auch sehr häufig war. Dort habe ich, glaube ich, meine schönsten Momente verlebt.F: Auf der letzten VIENNALE gab es Lino Brocka Filme zu sehen – haben Sie ihn kennen gelernt?K: Ich war mit ihm befreundet. Wenn ich ein bisschen mehr nachgedacht hätte als Herr Hurch, dann hätte ich als zweiten noch Ismael Bernal drangehängt – das wäre ehrlicher gewesen. Aber er macht ja nur etwas, was er kennt. Lino Brocka wurde ja – zu Recht – gerade in Cannes gefeiert. Ismael Bernal ist aber ein zweiter, ganz wichtiger Regisseur, der noch politischer war als Brocka, der häufig nur seine sexuelle Manie herausgekehrt hat. Bernals Filme wurden alle zensiert. Und um dieser Zensur zu entgehen, hat er, wissend, dass die Militärzensur ihn kürzt, Liebesszenen eingebaut. Denn ihm war klar, dass, selbst wenn dann die nackte Brust aus dem Film herausgeschnitten würde, das übrige Gerüst eine politische Message ergibt. Das finde ich wunderbar, dass die Kunst so dumme Menschen ausspielen kann und mit dem richtigen Inhalt Erfolg landen kann. Bernal ist leider an einer Überdosis gestorben. Er war mein bester Freund und einer, der mir in Sachen Humor, Filmemachen und Lebensstil am nächsten war. Seit seinem Tod ist mein Leben so langweilig und einsam geworden. F: Über Sie ist derzeit ja auch ein Film in Planung und zwar von Veronika Franz.K: Ja, das ist richtig. Das wird eine Art Portrait mit Spielelementen. Wir haben bereits angefangen, nur die Produktion Seidl braucht halt etwas länger als ich mit meinen Filmen. Ich habe schon wieder meine nächsten drei Projekte am Start: „Der letzte Sommer der Reichen“ – eine spannende Geschichte, in der es um eine Konzernchefin geht, die alles in ihrem Leben hat, aber nur von Jasagern und Schmarotzern umgeben ist und innen drin traurig und depressiv ist. Bis sie sich eines Tages in eine Krankenpflegerin, die gleichzeitig Nonne ist, verliebt. Dann eben „Mettray“. Und im Burgtheater soll ich auch noch spielen, aber ich mag nicht.F: Vielleicht werden Sie dort dann auch, wie Shakespeare, mit Altersfreigabe belegt.K: Eine Frechheit ist das! Das war ja ein echter Vorfall. Gosch, einer der ganz großen Theaterregisseure, hat eine sehr blutige „Macbeth“ inszeniert, die man erst ab 15 Jahren freigegeben hat. So ein Schwachsinn! Eingriffe des Jugendamtes in die Kunst sind das Letzte! Das Gespräch führte Florian Widegger Foto: www.peterkern.net Offizielle Website von Peter Kern Um alle Inhalte sehen zu können, benötigen Sie den aktuellen Adobe Flash Player. |