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Ein hochbrisantes politisches Thema, obwohl Sie gar nicht als politischer Filmemacher gelten.PHILIPPE LIORET: Das Problem ist, dass wir heute von Wahlkandidaten regiert werden, also von Leuten, die nur an die nächste Wahl denken, aber nicht daran interessiert sind, Probleme zu lösen. Die Situation ist dramatisch: Der Trend geht in Richtung einer populistischen Politik. Für diese Art der Politik kommt das Ausländerthema wie gerufen: Man kann den Ausländern die Schuld für alles in die Schuhe schieben, das ist ein Rezept, das immer wieder zur Anwendung kommt. Es ist die schlimmste aller politischen Entwicklungen. Aber Sie haben recht: Ich hatte mit „Welcome“ nicht die Absicht, ein politisches Pamphlet zu verfassen, sondern wollte vielmehr eine starke emotionale Geschichte erzählen, mit einem gesellschaftspolitischen Thema als Hintergrund. Natürlich sieht die Presse bei solchen Filmen immer zuerst diesen Hintergrund. Beim Zuschauer ist das ganz anders: Die Zuschauer bringt das Romanhafte in die Kinos, was wesentlich zum großen Publikumserfolg von „Welcome“ mit über 1,3 Mio. Besuchern in Frankreich beitrug. Das filmische Element interessiert die Zuschauer. Wenn ihnen dadurch die Augen für ein gesellschaftsrelevantes Thema geöffnet wird, ist das umso besser. Aber würde man von Vorneherein sagen, der Film wäre ein politisches Pamphlet, dann kämen die Zuschauer nicht. Warum kommen sie dann nicht? Weil sie politikverdrossen sind?Hätte ich von Beginn an gesagt, dass das ein Film über illegale Immigranten ist, ein trauriger Film, der schlecht ausgeht – selbst ich wäre dann nicht ins Kino gegangen. Aber wenn man kommuniziert, dass es in dem Film um Liebe geht, um Freundschaft; wenn man sagt, dass es hier Figuren gibt, die sich lieben, es aber nicht schaffen, sich das auch zu sagen, dann ist das etwas ganz anderes. Ich glaube einfach an die Kraft solcher romanhafter Geschichten im Film. Der Film sollte kein Lehrstück sein. Gleich zu Beginn von „Welcome“ steht diese unglaubliche Szene, in der Migranten versuchen, in einem LKW durch die Kontrolle auf ein Schiff nach England zu gelangen. Dabei dürfen sie keine Atemluft unter der LKW-Plane verbrauchen, denn die wird von den Behörden gemessen, um Illegale aufzuspüren. Wie haben Sie das alles recherchiert?Ich ging nach Calais und verbrachte dort ein paar Wochen. Ich trieb mich in der Hafennähe herum, sprach mit Migranten und erschloss daraus die Fiktion für meinen Film. Alles, was Sie im Film sehen, findet in Wirklichkeit statt. Freilich haben wir das Setting komplett rekonstruiert: Wir haben LKWs umlackiert, und alle Personen, die Sie im Film sehen, sind keine illegalen Einwanderer, sondern Statisten. Der Film als solcher ist absolute Fiktion, jedoch sei angemerkt, dass ich nichts ins Drehbuch schreibe, was nicht einen realen Hintergrund hat. Niemand kann mir weis machen, dass die Situation nicht so ist, wie ich sie zeige. Etwa, wie die Polizei mit Illegalen umgeht. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen. Eric Besson, der französische Minister für Immigration und nationale Identität, hat Ihren Film sogar gelobt.Er sagte, es sei ein sehr guter Film, aber alles, was darin zu sehen sei, entspreche nicht der Realität. Und das sagt er nicht, weil er sich irrt, sondern weil er lügt. Er weiß genau, dass das real ist. Er sorgt dafür, dass das real ist. Deshalb finde ich die Polemik von Eric Besson so bedauerlich und jämmerlich, denn das läuft tatsächlich so, und Besson und Sarkozy sind schuld daran. Was sind die Hintergründe von Sarkozys und Bessons Ausländerpolitik?Als Sarkozy seinerzeit Innenminister war, ließ er eine Halle brutal abreißen, in der das Rote Kreuz Unterbringung für illegale Immigranten angeboten hatte. Sarkozy sagte damals, man müsse nur die Halle abreißen, dann würden die Illegalen schon nach Hause gehen. Das war seine Grundeinstellung damals. Er muss wirklich ein ziemlich kleines Hirn haben, um das anzunehmen, denn das Resultat war natürlich, dass die Leute danach auf der Straße landeten. Das war der Anfang dieser Entwicklung, in der die Bedingungen immer inhumaner wurden. Sarkozy ist für diese Zustände verantwortlich, zusammen mit seinem bewaffneten Arm Eric Besson. Besson war zwei Jahre zuvor noch bei der sozialistischen Partei und hatte damals in einem Bericht Sarkozy einer diskriminierenden Politik beschuldigt, die an die Zeit von Vichy erinnern würde. Sie sehen, wie er sich heute verhält: Besson hat die Seiten gewechselt, dahin, wo die Macht ist. Er ist auch „Minister für nationale Identität“ – dass muss man sich einmal vorstellen: Frankreich hat jetzt einen „Minister für nationale Identität“! Und warum? Damit die Regierung die Stimmen der Rechtsextremen einsammeln kann. Es macht mir Angst, zu sehen, welche Leute unser Land regieren. Es hindert aber auch Sozialisten heute nichts mehr daran, gegen Ausländer vorzugehen. In Österreich gab es kürzlich einen solchen Fall, als man über ein Asylwerber-Auffanglager sprach, das der sozialistische Landeshauptmann der Region abgelehnt hat.Ich sage ja nicht, dass die Linken, genauer gesagt die Sozialisten, in der Lage sind, diese Probleme zu lösen oder eine humanere Politik zu fahren als die anderen. Es ist vielmehr so, dass heute generell eine wahltaktische Politik gemacht wird. Seit jeher heißt Wahltaktik auch Populismus, und dabei wird dann vorzugsweise der „Ausländer“ stigmatisiert, der angeblich an allem Schuld trägt. Es ist traurig, dass diese Leute dann immer wieder gewählt werden und die Menschen nicht sehen, wie sie von den Politikern getäuscht werden. Immigration ist ein viel komplexeres Thema. Alle Spezialisten sagen voraus, dass es im Jahr 2050 eine Milliarde Flüchtlinge geben wird. Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen. In „Welcome“ fällt die Genauigkeit auf, mit der Sie sowohl Ausstattung als auch Schauspieler dirigierten.Locations und Kostüme sind mir wichtig, um möglichst nahe an die Realität heranzukommen. Das beherrscht vor allem das britische Kino sehr gut. Dort sehen Eisenbahner im Film immer so aus, als wären sie wirklich Eisenbahner, und keine Schauspieler von der Royal Shakespeare Society. Wichtig ist, dass man selbst dran glaubt, was man da inszeniert. Und dass man als Regisseur zuhören kann: Man muss merken, ob Dialoge richtig und stimmig klingen oder ob sie aufgesetzt wirken. Entweder man glaubt daran, oder es wird nichts. Was beherrscht ein Spielfilm wie „Welcome“ im Unterschied zu einer dokumentarischen Aufarbeitung des Themas Immigration?Ich glaube, eine Dokumentation richtet sich zuerst einmal an den Intellekt. Wir sehen das und sagen uns: Das ist ekelhaft. Und dann gehen wir zur nächsten Sache über. Die Schnelligkeit von Nachrichten führt dazu, dass wir nicht mehr die Zeit haben, über etwas nachzudenken. Diese rohen Informationen hinterlassen vielleicht auch ein Gefühl, aber sofort kommen neue Informationen, die es überlagern. Eine neunzigminütige Fiktion in der Dunkelheit des Kinosaals kann dagegen eine Geschichte erzählen, vor der man auch nicht ausweichen kann. Es ist etwas anderes, wenn man von einem Film berührt ist und sich zugleich vor Augen führt, dass er auch reale Zustände widerspiegelt. Von dem Moment an, in dem die Zuschauer von einer menschlichen Beziehung bewegt sind, die in einem realen Kontext angesiedelt ist, bleibt etwas hängen.Interview: Matthias Greuling Szenenfoto aus "Welcome" Fotos: Polyfilm Matthias Greuling Alexandra Zawia Um alle Inhalte sehen zu können, benötigen Sie den aktuellen Adobe Flash Player. |