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Interview Quentin Tarantino

Quentin Tarantino im celluloid-interview: „Ich will keine Filme hinterlassen, die ich drehen musste, nur um meinen Swimmingpool zu finanzieren“

Quentin Tarantino

Quentin Tarantino: "Mit 60 höre ich auf"

INTERVIEW

Mr. Tarantino, Ihre Fans warteten zehn Jahre auf diesen Film und betrachten ihn als Ihr Opus Magnum. Ist er das?QUENTIN TARANTINO: Ich möchte dieser Frage nicht ausweichen, aber es ist nicht an einem Huhn, über seine eigene Suppe zu sprechen, verstehen Sie? Das müssen die Fans entscheiden, oder die Kritiker. Ich habe bis kurz vor der Premiere noch am Film gearbeitet, und er ist mir noch viel zu nahe, um ihn beurteilen zu können. Aber ich hoffe natürlich, dass er ein großer Wurf ist. Wie wichtig ist dieser Film für Sie?Sehr wichtig. Aber alle meine Filme sind für mich wichtig, während ich sie mache. Ich versuche immer, den letzten Film, den ich gemacht habe, mit dem neuen zu toppen. Hal Hartley sagte einmal: „Warum muss jeder Film größer und besser sein als der letzte“? Das ist ein guter Punkt, aber ich kann mir nicht helfen: So bin ich nun mal! Ich will mein Level immer weiter anheben.Während der drehfreien Tage sollen Sie sich bis zu fünf DVDs angesehen haben. Können Sie jemals abschalten?Doch, doch. Aber wenn ich einen Film drehe, dann beschäftigt mich das ein ganzes Jahr lang. Ich habe keine Familie, daher kann mir die Welt rundherum völlig gestohlen bleiben. Meine Metapher dafür ist: Den Mount Everest zu besteigen. Wenn man das tut, kümmert man sich auch nicht um die Probleme, die es unten im Tal gibt. Da denkt man nur an den Gipfel. Wenn ein Film dann fertig ist, hole ich mir dieses Jahr wieder zurück – ich schlafe lang, hänge mit Freunden rum, all diese Dinge. Während man einen Film dreht, hat man gar keine Zeit, sich fünf DVDs reinzuziehen. Das mache ich immer erst nach den Dreharbeiten, um auch hier ein bisschen aufzuholen.Welche Filme haben Sie bei „Inglourious Basterds“ beeinflusst?Keine speziellen. Ich sah mir Weltkriegs-Filme an, in denen Truppen eine Mission zu erfüllen haben, sah ein paar italienische 70er-Jahre-Actionfilme, aber auch US-amerikanische Kriegspropaganda aus den 40er Jahren, die meist von Regisseuren inszeniert wurden, die aus ihrer Heimat vor den Nazis fliehen mussten. Aber ich habe aus all diesen Filmen nichts für „Inglourious“ gestohlen. Das war mehr, um all diese verschiedenen Filmstile in mich aufzusaugen. Für mich ist das ein bisschen so, wie wenn man ein Stück Fleisch in Marinade wendet. Sind Sie zufrieden mit ihrer bisherigen Filmografie?Ich bin sehr froh, dass ich in dieser Industrie überleben kann – als Künstler. Das ist ja eine Riesenindustrie, und ich hatte Glück, immer Arbeit zu haben. Aber für mich dreht sich alles um meine eigene Filmografie. Das ist das Wichtigste für mich. Wenn ich in Rente gehe, will ich das Gefühl haben, eine starke Filmografie hinterlassen zu haben. Es wäre schlimm, würden die Leute dann sagen: OK, da gab es die Filme jener Zeit, und dann drehte er dies und jenes, und da war er noch jung und dann war er alt, etc. Wenn man sich die Filmografien der meisten großen Regisseure ansieht, dann stellt man fest, dass die meisten von ihnen – es gibt auch Ausnahmen – mit dem Alter nicht unbedingt besser werden. Ich will meinen Fans, jenen von heute, und auch jenen, die noch gar nicht geboren sind, die Möglichkeit geben, meine ganze Essenz in jedem einzelnen meiner Filme zu finden. Der Name Tarantino soll also bis über Ihren Tod hinaus weiterwirken?Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn es einen 15-jährigen Jungen gibt, der noch nicht auf der Welt ist; also sagen wir: Der Junge ist 15 und ich bin seit 10, 20 Jahren tot. Und dieser Junge stolpert über einen meiner Filme und sagt: Wow! Dieser Typ ist cool, der Film macht Spaß. Wer hat den gemacht? Tarantino? Von dem muss ich noch mehr sehen! Und der Junge sucht nach meinen Filmen, weiß aber nicht, welchen er sich aussuchen soll, weil es eben einige gibt und die Titel für ihn alle unbekannt sind. Daher muss jeder einzelne Film gut sein. Wenn ich es schaffe, diesen Burschen zu begeistern und will, dass er mein Fan wird, dann muss ich verhindern, dass es in meiner Filmografie Filme gibt, die ich als Auftragsarbeit drehte, oder die man als Alterswerk bezeichnete. Er soll keinen Film darunter finden, den ich drehte, um meinen Swimmingpool damit zu finanzieren. Oder einen, den ich trotz Kompromissen drehte, weil ich mit einem großen Schauspieler arbeiten wollte, nur um ein tolles Einspielergebnis am ersten Wochenende zu schaffen, weil meine letzten beiden Filme Flops waren. Sie sagen also, dass Sie keinerlei Kompromisse eingehen bei Ihrer Arbeit.Genau so ist es.Man hört, Sie möchten früher oder später mit dem Regieführen aufhören und Schriftsteller werden. Ein Mark Twain, ein Charles Dickens.Das stimmt. Ich habe mir vorgenommen, mit 60 als Regisseur aufzuhören. Das heißt, nur wenn mein letzter Film kein totales Fiasko wird. Denn sonst muss ich noch einen drehen, um meinen guten Namen wieder herzustellen, und dann höre ich eben mit 62 auf! (lacht)Wie kann man als Filmemacher in Pension gehen?Das ist keine Pension. Ich will Filmemacher sein, aber ich will auch Schriftsteller sein. Das wird eine neue Phase meiner Karriere. Mit 60 will ich nicht mehr früh morgens aufwachen und mich um den Drehplan kümmern müssen. Außerdem will ich, dass all meine Filme die jugendliche Energie von „Reservoir Dogs“ behalten. Sie können innerlich reifer werden, und das ich das kann, brauche ich nicht zu beweisen. Ich meine, mit „Jackie Brown“, meinem dritten Film, habe ich schon eine gewisse Reife gezeigt! Aber grundsätzlich mag ich die Filme alter Männer nicht. Als Künstler kann ich verschiedenes ausprobieren. Es ist nicht so, dass ich auf einer Straße bin, die ich nicht mehr verlasse. „Kill Bill“ ist zum Beispiel ein viel persönlicherer Film als „Jackie Brown“.Wieso?Zuerst einmal, weil es sich um ein Originaldrehbuch aus meiner Feder handelt. Aber die wahren Gründe will ich nicht verraten. Es ist nicht mein Job, die Parallelen meiner Filme zu meinem Leben aufzuschlüsseln. Es ist eigentlich mein Job, diese Parallelen zu verstecken. (lacht) Aber sie existieren.Mit Brad Pitt haben Sie einen Kassenmagneten engagiert. Kalkül?Nein! Ich wollte Pitt, weil er in diese Rolle passt wie ein Handschuh auf die Hand. Ich bin kein Regisseur, der sich überlegt, mit welchem Star er am liebsten zusammenarbeiten würde. Ich bin ein Autor, dem seine Figuren das allerwichtigste sind. Ich erschaffe diese Figuren und versuche dann, sie in die richtigen Hände zu geben. Wie im Fall von Brad, für den ich diese Figur geschrieben habe. Wenn so etwas klappt, dann erlebt man eine beinahe magische Zusammenarbeit. Das ist mir immer wieder passiert, weil ich jemand bin, der warten kann. Ich warte, bis der richtige Schauspieler für die Figur gefunden ist. Und Christoph Waltz, der den Darstellerpreis in Cannes erhielt?Ich kannte ihn nicht, und erhielt den Tipp von meinem Casting-Director. Ich sah nur ein paar seiner TV-Filme, aber das war für mich irrelevant in dem Moment, als er zum Casting erschien und zu Lesen begann. Er beherrschte den Sprachen-Pudding vom ersten Moment an perfekt – Englisch, Deutsch, Französisch. Er konnte nicht nur die Poesie meiner Dialoge rüberbringen, sondern er verstand auch die Witze. Er konnte meine Wortspiele im richtigen Sprachrhythmus verkaufen.Sie schreiben den Verlauf des Dritten Reiches völlig um. Hitler verbrennt in einem Kino!Ja, toll, oder? (lacht) Ich habe diese Story erfunden, weil ich der Meinung bin, dass es zwar die Figuren in meinem Film nicht gab, aber wenn es sie gegeben hätte, hätte diese Story durchaus wahr werden können. Meine Figuren sind nicht an Geschichte gekoppelt. Meiner Figuren können Geschichte umschreiben!-Interview: Matthias Greuling

Szenenfotos aus "Inglourious Basterds"

Fotos: Universal; Tuma









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