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Wir wollten dieses Projekt gemeinsam realisieren, vor allem mit einem Blick auf ihre spezielle Art und Weise, die Körpersprache der Menschen einzufangen. 20 Jahre lang war es unser Traum, gemeinsam einen Film zu machen. Ich hätte sie vor und hinter der Kamera gebraucht, hätte ihr bei den Proben für ihre Arbeit zugesehen. Aber das ging plötzlich nicht mehr. Ich dachte zunächst, das Projekt sei mit ihrem Tod auch vorbei, denn den Film mit Pina, den wir uns so lange Zeit vorgestellt hatten, konnte es nun nicht mehr geben. Aber den Film für sie, den waren wir ihr noch schuldig.Wie sehr haben Sie das Filmkonzept nach dem Tod von Pina Bausch abgeändert?Ich wusste zunächst nicht, wie man dieses große Loch, das durch Pinas Abwesenheit entstand, füllen konnte. Wir hatten den Film in mehreren Etappen gedreht, zunächst ihre Inszenierungen, die Stücke, damit diese erhalten bleiben. Aber Pinas Blick fehlte uns. Dann fand ich heraus, dass dieser fehlende Blick über die Tänzer, über Pinas Ensemble in den Film finden konnte. Pina hatte mit einigen von ihnen 35 Jahre lang gearbeitet, und die hatten viel über Pinas Blick zu sagen. Pina schaute tief in diese Tänzer hinein, und holte aus ihnen mehr Dinge heraus, als sich das ein Filmregisseur mit seinen Schauspielern je trauen würde. Ich fand heraus, dass man über Pinas einzigartige Arbeitsmethode an die Tänzer herankommen konnte. Pina stellte an ihre Tänzer wochenlang Fragen, bohrte immer weiter, und ihre Regel war, dass die Tänzer auf diese Fragen nicht mit Worten antworten sollten, sondern mit Gesten, mit Ausdrücken aus dem Tanz. Das ging so lange, bis sie schließlich alles hatte, was sie aus den Tänuzern selbst herausholen konnte. Und das war meistens intensiver und genauer als alles, was jemals jemand aus der Körpersprache von Menschen herausgeholt hatte. Und dann hat sie diese Dinge auf der Bühne gezeigt, hat uns daran teilhaben lassen, was sie darin gesehen hatte. Ihre Inszenierungen kamen nie aus einer abstrakten Phantasie, sondern sind aus den Menschen herausgeholt worden. Das wirkte sich auch auf das Publikum aus: Es klingt vielleicht überzogen, aber ich hatte nach den Stücken von Pina Muskelkater, weil ich so drin war und es mich so berührt hatte.Wie viel wussten Sie von Tanz, bevor Sie Pina Bausch kannten?Wenig. Vor meinem ersten Stück von Pina, „Café Müller“ war das, 1985, hatte ich mit Tanz nichts am Hut. Es hat mich nicht interessiert. Ich muss ehrlich sagen, ich hatte mich auch ein wenig gedrückt, das Stück anzusehen. Es lief damals im Rahmen einer Retrospektive in Venedig in einem Theater, doch ich wäre lieber spazieren gegangen. Aber meine Freundin hatte mich damals regelrecht dazu gezwungen. Und dann saß ich da, und das war der Schock meines Lebens: Wie mir jemand in 40 Minuten ohne Worte mehr über Männer und Frauen erzählen konnte, als die ganze Filmgeschichte.Sie scheinen in vielerlei Hinsicht ein filmischer Vordenker zu sein, gerade auch, was den Einsatz neuer Technologien betrifft. Welche Erfahrungen haben Sie mit 3D gemacht?Technik ist in sich eigentlich langweilig. Sie ist nur dann interessant, wenn man was erzählen kann, was man vorher nicht erzählen konnte. „Buena Vista Social Club“ konnte ich nur machen, weil es digitale Kameras gab, mit denen man endlos filmen konnte. Mit Film hätte das nicht funktioniert. Die 3D-Technik ist eigentlich keine Technik, sondern eine völlig neue Sprache. Dem Kino wird eine ganze Dimension dazugegeben, das ist ja kein Klacks. Wir versuchen, das menschliche Sehen so gut wie möglich zu imitieren. Wir filmen mit zwei Kameraobjektiven, und halten diese beiden Datenströme bis ins Kino getrennt. Auf der Leinwand ist auch nichts, da gibt es keinen Raum, sondern ein wuseliges Bild. Letztlich muss es der Zuschauer in seinem Hinterkopf wieder zusammenfügen. Wie im Leben. Und wenn man sich das anguckt, die Physiologie des Sehens, dann ist es ganz spannend, wie nah man da ran kommen kann, mit zwei Kameras. Da stellen sich aber auch die Fragen, wie kann man damit erzählen, wie kann man da was zeigen, was eine andere Wahrnehmung erfordert. Der Raum war im Kino immer eine bloße Behauptung. Alles endete auf einer zweidimensionalen Fläche, egal was man machte. Ob die Kamera nun auf Schienen fuhr oder schwebte, der Raumeindruck war Fiktion. Und jetzt ist es keine Fiktion mehr, denn jetzt sehen wir Körper, die ein Volumen und eine Aura haben. Als Zuschauer kann man nun viel näher an die Figuren heran kommen. Früher führte eine Großaufnahme die Zuschauer sehr nahe heran, aber letztlich blieb auch diese Großaufnahme eine Fläche. Nun entsteht eine Figur mit einem Körper, den man fühlen kann.Sie haben als erster Filmemacher die 3D-Technik für etwas anderes eingesetzt als für die sonst so üblichen Fantasy-Spektakel.Als der 3D-Boom losging, vor drei, vier Jahren, verstand ich nicht, wieso sich niemand traute, durch die Tür zu gehen in dieses neue, unbeschriebene Gelände. „Avatar“ ist das einzige Meisterwerk auf diesem Feld, und sonst hat es den großen Studios gereicht, dass man genug Zuschauer hatte, indem man diese neue Sprache als Attraktion benutzt hat. Eigentlich gar nicht dafür, was sie kann, sonder dafür, was sie scheint. Für Action- und Geisterbahneffekte, ohne zu schauen, was kann das eigentlich? Die Studios haben kein Interesse daran, zu zeigen, was es wirklich kann, sie wollen nur Geld verdienen. Das, was 3D wirklich kann, müssen unabhängige Filmemacher erforschen, Dokumentarfilmer. Wir ahnen gerade erst, was 3D alles kann, ich selbst habe auch bloß an der Oberfläche gekratzt. Es wird spannend, wie man mit dieser Technik neue Erzählformen finden kann. Gerade der Tanz eignet sich für eine dreidimensionale Darstellung. War das der Hauptgrund für Sie, diese Technik auszuprobieren?Ich hatte das Glück, dass der Tanz an sich eine tolle Affinität zu 3D hat, weil alles sehr plastisch ist. Der Tanz hat dieses dreidimensionale Bild zu sich selbst gebracht. Endlich konnte man zeigen, wofür diese Technik erfunden worden ist. Andererseits ist der Tanz ein gefundenes Fressen gewesen. Jeder Tänzer erobert mit jedem Schritt und jeder Geste den Raum neu, und das kann das Kino nun endlich in diesem Raum zeigen. Im Grunde war die Technik noch nicht mal verfügbar, als wir zu drehen begannen. Das lief unter dem Motto „Jugend forscht“, denn wir hatten viele Fehler gemacht und konnten niemanden um Rat fragen. Ich konnte James Cameron nicht anrufen und um Rat fragen. Aber „Pina“ hätte es ohne der 3D-Technik nicht gegeben, dann hätte ich ihn nicht gemacht.Inwieweit hat Sie Ihr anfänglicher Berufswunsch, Maler zu werden, in Ihrer Filmemacher-Karriere beeinflusst. Von Malerei habe ich alles gelernt. Das Wesentliche am Filmemachen war, welchen Rahmen man dafür findet, für das, was man erzählen will. Eine Geschichte setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen, jeweils mit einer Einstellung, die man aneinander reiht. Was eine Einstellung ist, habe ich von der Malerei gelernt. Auch, was ein Porträt, eine Landschaft ist. Aus der Filmgeschichte hatte ich herzlich wenig gelernt, umso mehr von den Malern. Lange Zeit wollte ich ja auch nichts anderes werden. Das Filmemachen sah ich als junger Regisseur als eine Fortsetzung der Malerei mit anderen Mitteln. Es gab damals Maler in den USA, die ich bewunderte. Andy Warhol oder Stan Brakhage begannen, Filme auf 16mm zu drehen, was mir als eine einleuchtende Fortsetzung der Malerei erschien. Erst durch das Zusammenhängen dieser Filmstücke zu einem Film wurde diese bewegte Malerei auch ein bewegtes Erzählen. Für mich ist die Malerei der Ursprung von allem, nach wie vor.Ihre zweite große Leidenschaft ist die Fotografie…Fotografie und Malerei hängen eng zusammen, ich fotografierte schon mit sechs Jahren mit meiner ersten Kamera, mit 12 hatte ich meine erste Dunkelkammer. Ohne jemals daran zu denken, dass daraus mal ein Beruf werden könnte. Die Beschäftigung damit war für mich ganz selbstverständlich. Inzwischen ist die Fotografie die zweite Hälfte meines Lebens. Ich mache immer wieder Ausstellungen und nehme Fotografie heute ganz anders ernst als früher. Vielleicht ist das auch die Art und Weise, wie ich habe Maler bleiben können. Maler müssen ihr Leben lang Malen, und bei mir war es die Fotografie, mit der ich Maler bleiben konnte.Sie wollten auch einmal Priester werden, aber als der Rock’n’Roll aufkam, wussten Sie, das das nicht Ihr Lebensweg werden würde…Das ist natürlich eine Spekulation: Was wäre gewesen, wenn es diese Musik nicht gegeben hätte. Wenn es diese Generation, alles Nachkriegskinder, so wie ich, die den uralten Blues genommen haben und ihn elektrifiziert hatten und diese Musik gemacht haben, Rock’n’Roll, also elektrifizierten Blues. Das hat meinem leben eine Kehrtwende gegeben. Ich dachte damals: Wenn die sich das trauen, kann sich jeder was trauen. Ich habe mich auch was getraut. Diesen Mut zu finden, für das, was ich im Leben gemacht habe, habe ich in der Musik gefunden. Musik ist immer noch meine Hauptinspiration, ich höre von früh bis spät Musik. Da kann ich besser schreiben und arbeiten. Ein Leben ohne Musik könnte ich mir nicht vorstellen. Was halten Sie von der These, ein Regisseur, der mit wuchtigen Scores arbeitet, vertraut seinen eigenen Bildern nicht?Musik und Bilder haben eine eigenartige Beziehung. Das Faszinierende ist, dass etwas Drittes entsteht, wenn beide zusammenkommen, das mehr ist als die Summe von beiden. Wenn das eine oder das andere zu kräftig ist, entsteht allerdings weniger als die Summe von beiden, dafür gibt es genügend Beispiele. Etwa, wenn Musik überinterpretiert oder erklärt, was im Bild passiert. Als ich mit 22 das erste Mal ein Stück Musik über eine Aufnahme von mir drüberlegte, da war das faszinierend: Diese Stadtlandschaft veränderte sich komplett. Und es war ein Riesenunterschied, ob da die Rolling Stones dazu liefen oder Jimi Hendrix. Das Bild erzählt jedes Mal etwas komplett anderes. Das war ein Erlebnis, das ich mir bis heute bewahrt habe. Man arbeitet viele Jahre an einem Film, und kann es dann schon gar nicht mehr erwarten, bis endlich die Musik dazu kommt. Gibt es Filme, bei denen sie sich besonders schwer getan haben, die richtigen Bilder zu finden?Beim Filmemachen hilft einem die Erfahrung nicht. Sie ist eher ein Hindernis. Gerade, wenn man denkt, man weiß, wie etwas geht, geht’s dann nicht mehr. Es kommt darauf an, wie ein Film sich erzählen will oder welche Bildersprache er braucht. Ich lag schon mehrmals daneben und hatte Filme nach einigen Tagen abgebrochen und neu angefangen, weil der Film sich ganz anders erzählen wollte, als ich das geplant hatte. „Der amerikanische Freund“ zum Beispiel hatten wir nach vier Tagen komplett neu angefangen, weil das Konzept ein verkopftes war. Die Figuren und die Stadt in der wir drehten, in Hamburg, die wollten ein anderes Konzept. So muss jeder Film seine eigene Sprache finden. Mit Erfahrung kann man sich die Chance verbauen, diese Sprache zu finden. Man muss a priori annehmen, man weiß nicht wie’s geht. Im Fall von „Pina“ war es genau so. Man konnte sich auf nichts berufen, es gab keine Erfahrungen. Es ging darum, das Volumen eines Raumes zu erfassen.Wie groß ist Ihr Interesse am zeitgenössischen Kino?Wenn ich selbst an einem Film arbeite, sehe ich sehr wenig. Man ist dann mehr in seiner eigenen Welt. In den Phasen dazwischen gucke ich stoßweise Filme von anderen Regisseuren, die mich interessieren. Aber ich schaue mir auch gerne Blockbuster an, in letzter Zeit aber immer mehr Dokumentarfilme. Das interessiert mich einfach mehr. Heute ist ein Großteil des Kinos in Fantasy-Regionen abgeschweift, wo man letztendlich nicht so viel von hat, finde ich. Oder dass man nach 10 Minuten schon weiß, wie es ausgeht. Das ist für mich Lebenszeitverschwendung.Wie hat sich über die Jahre ihr Zugang zu neuen Filmen und Themen verändert – abgesehen von der technischen Entwicklung?Ich habe mich immer mehr getraut, konzeptionslos an die Dinge heranzugehen. Manchmal ohne Drehbuch, aber meistens ohne vorgefasste Meinung. Ich versuche mehr, selbst etwas zu lernen. Ein Thema zu kennen, aber es besser kennen lernen zu wollen. Oder einen Ort zu erkunden, indem man mit einem Film darüber nachdenkt. Die Antriebskraft in meiner Arbeit war meist, eine Stadt oder Landschaft besser kennen lernen zu wollen. Ich sagte mir: Jetzt musst du die Geschichte dazu finden, die nur hier spielen kann. Es interessiert mich sehrt, dass Geschichten und orte oft richtig zusammengehören, und dass eine Geschichte eben nur hier oder da spielen kann, und nicht überall. Filme, die irgendwo im Nowhere-Land spielen, ärgern mich. Ich will eine Stadt sehen, die ihre eigenen Akzente, Menschen und Geschichten hat. Ich mag die Konstruktionen nicht, die versuchen, durch Vereinheitlichung möglichst viele Menschen anzusprechen. Ich mag am europäischen Kino sehr, dass es viele Filme gibt, die sich ihr Lokalkolorit bewahren. Gerade im deutschen Sprachraum ist das Einheitsdeutsch in TV-Filmen oft sehr störend…Gerade in Österreich werden viele Filme gemacht, die hier hin gehören. Man erreicht am besten die Leute mit etwas Spezifischem. Mit Geschichten, die irgendwo hingehören. Die Menschen sehen sich ja danach, irgendwo hinzugehören. Ich mag das lieber. Und wenn die Leute im Film anders sprechen als andere, dann ist das doch toll: Hochdeutsch spricht ja kein Mensch.Sprache hat viel mit Zugehörigkeit zu tun. Haben Sie einen Heimatbegriff?Als einer der unmittelbar nach dem Krieg Geborenen hatte ich von Kindheit an ein gebrochenes Verhältnis zu Deutschland. Ich wollte eigentlich immer nur weg. Ich habe mich immer in die Welt hinausgesehnt. Erst nach meiner langen Zeit in Amerika, da war ich dann schon 40, habe ich mich als Deutscher in diesem land zuhause gefühlt. Ich habe diesen Umweg über Amerika gebraucht, um mich als Deutscher und Europäer zu akzeptieren. Und auch diese deutsche Seele, die ich immer loswerden wollte. In meiner Jugend wollte ich alles sein, bloß kein Deutscher. Heute bin ich in der Stadt, in der ich jetzt lebe, in Berlin, mehr zuhause als jemals vorher. Matthias Greuling Das Interview als Video in voller Länge (23 Min.) und in HD Um alle Inhalte sehen zu können, benötigen Sie den aktuellen Adobe Flash Player. |