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Karlovy Vary 2011 im Endspurt

Langsam neigt sich das Filmfestival in Karlovy Vary dem Ende zu. Im Wettbewerb herrschen Ratlosigkeit und Tristesse vor, dafür gibt es in den Nebenschienen absolut entzückende Entdeckungen.

Sonnenblumen-Stunden

LIVE AUS KARLOVY VARY 2011

Matthias Greuling Alexandra Zawia

Zu diesen gehört beispielsweise die norwegische Coming-of-Age Komödie „Få meg på, for faen“ (Turn me on, goddammit) – ein Streifen, der sich nicht nur durch seinen tollen Titel auszeichnet, sondern auch durch das gelungene Verweben von Realität- und Fantasieebenen: Die 15-jährige Alma lebt in einem kleinen Kaff und will nur zwei Dinge: Von dort weg und dass der hübsche Artur endlich mit ihr schläft. Denn Almas Hormone spielen verrückt und sie denkt bei jeder Gelegenheit an Sex. Ihre Mutter beobachtet das mit Skepsis und selbst ihre besten Freundinnen wenden sich von ihr ab, als sie rumerzählt, dass Artur ihr „deutliche“ Avancen gemacht hat... Basierend auf dem Jugendroman von Olaug Nilssen hat die Regisseurin Jannicke Systad Jacobsen eine mit recht witzigen Einfällen geschmückte, aber im Grunde ziemlich authentische Komödie gedreht, die zeigt, wie schwierig das Erwachsenwerden am Land sein kann und wie man von dort ausbricht. Der Humor erscheint dabei niemals platt und die schauspielerischen Leistungen der Teeniedarsteller überzeugen ebenfalls. Der absolute Knaller in Sachen Komödie kommt dieses Jahr allerdings aus Kanada. Mit nur 20,000 Dollar Budget schießt Aaron Houston ein 90-minütiges Gagfeuerwerk der Extraklasse ab: In der Mockumentary „Sunflower Hour“ geht es um die gleichnamige (fiktive) Kinderunterhaltungsshow – vergleichbar in etwa mit unserem Kasperl. Vier Handpuppenspieler bewerben sich beim Casting um eine Rolle: Leslie Handover will mit seiner Puppe die Kinder missionieren und vor Homosexualität und Masturbation warnen, Satan’s Spawn ist einfach nur böse, der Ire Shamus O’Reilly hat ein etwas gestörtes Verhältnis zu dem Leprechaun auf seiner linken Hand und David will vor allem weg von seinen Brüdern, die ihn ständig hänseln und „Gayvid“ nennen (noch eine der netteren Beleidigungen). Der Witz des Films leitet sich zwar zum Großteil von den mehr oder weniger durchgeknallten Charakteren ab, doch das Konzept geht wunderbar auf: Das Publikum hat den Film bei der Weltpremiere mit Lachsalven und unter tosendem Applaus angenommen. Wir finden: A star is born – und von „Sunflower Hour“ wird man mit Sicherheit auch außerhalb Karlovy Varys hören!Wenn das Herz also durch solche Filme erleuchtet wird, machen einem die tristen und durchwachsenen Wettbwerbsfilme wieder etwas weniger aus. Im dänischen Trauerspiel „Vaerelse 304“ (Room 304) kommt es zu einem Verbrechen in einem Hotelzimmer – das anhand der nacheinander erzählten Geschichten von sechs Personen, die in irgendeiner Form damit zu tun hatten, rekonstruiert wird. Das ist nicht wirklich was neues, zeichnet sich allerhöchstens durch einen aufgesetzten Sprachenmix aus, und ist vor allem erschreckend kalt in Szene gesetzt. Etwas weniger eisig geht’s im kanadischen Beitrag „Roméo Onze“ (Romeo Eleven) her: Als Sohn arabischer Einwanderer ist das Erwachsenwerden schwer genug, aufgrund einer Operation kann er noch dazu nicht richtig gehen. Nur im Internet-Chat kann er aus seiner unglücklichen Umgebung entkommen und mit jungen Damen flirten. Denen tischt er dann schon mal Geschichten vom umtriebigen Leben, das er wohl gerne führen würde, auf. Ivan Grbovics Filmdebüt lebt von der recht genauen Zeichnung der Milieus, die aufeinanderkrachen, sowie vom Schicksal der Hauptfigur, die auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Allerdings ist die Bemühtheit um Sympathie und Verständnis durch die doppelte „Behinderung“ (körperlich und ethnisch) ziemlich dick aufgetragen – was dem Film nicht besonders gut tut. Es wird sich weisen, ob die Jury das anders sieht. - Florian Widegger, Karlovy VaryWeiterführende Links:celluloid in Karlovy Vary: Vorschau auf das FestivalErste Eindrücke vom WettbewerbExploitation deluxeKarlovy Vary zur HalbzeitDie Sieger stehen festzurück zur Startseite

Offizielle Website des Filmfestivals Karlovy Vary

„Få meg på, for faen“ (Turn me on, goddammit): Nix wie raus aus Stoddenheimen - Alma (mitte) und ihre besten Freundinnen an der Bushaltestelle. Fotos: Karlovy Vary Film Festival (3)

Sunflower Hour": So sieht die Zukunft des Kinderfernsehens aus

"Romeo Eleven": Ein Romeo auf Freiersfüßen

Trailer "Sunflower Hour"









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