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Das Publikumsinteresse in Karlovy Vary ist groß wie nie, das Programm bietet für jeden etwas: Spröde Franzosen, zickige Däninnen und noch mal Rutger Hauer, den heimlichen Helden des Festivals.
Schrotflinten und Beißzangen
LIVE AUS KARLOVY VARY 2011
Matthias Greuling Alexandra Zawia
Nachdem er in „The Mill and the Cross“ zum Pinsel greift, ist nun die Schrotflinte dran: „Hobo with a Shotgun“ heißt der neue, mit großer Spannung erwartete Mitternachtsfilm des Jahres – eine ziemlich abgefahrene Hommage an die Endzeit und Action-Streifen der 1980er, von denen Herr Hauer ja einige mit seiner Präsenz veredelt hat („Wanted“, anyone?). Zu Michael Holms „Liebesthema“ aus dem berüchtigten „Hexen bis aufs Blut gequält“ fährt unser obdachloser Held im Zug von grüner Landschaftsidylle in die bedrohliche Großstadt – ein „Welcome to Fuck-Town“-Schild lässt entsprechendes erahnen. Denn Unterweltboss Drake führt mit seinen beiden durchgeknallten Söhnen ein beinhartes Regiment bestehend aus Drogen, Prostitution und Gewalt. Das schmeckt dem „Hobo“ allerdings gar nicht. Er verzichtet zugunsten der titelgebenden Schrotflinte auf eine sichere Investition im Rasenmäherbusiness – und nimmt das Gesetz in die eigene Hand. Klischees am laufenden Band, famos überzeichnete Splattereinlagen und jede Menge toller „one-liner“ – hier ist alles over the top. Wer schon „Machete“ mochte, wird an „Hobo“ ebenfalls große Freude haben. Weniger Spaß macht ein anderer Film, in dem eine Schrotflinte zu Beginn eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Das aktuelle Werk des Skandalfranzosen Bruno Dumont, „Hors Satan“, setzt weniger auf Exploitation und mehr auf Spiritualität. Denn auch hier ist die Hauptfigur ein absoluter (Un-)Heilsbringer: Ein unheimlicher Vagabund durchstreift gemeinsam mit einer jungen Frau die malerische Ödnis der nordfranzösischen Küstenlandschaft, vor der sich eine Geschichte aus Gewalt, Hingabe und Übernatürlichkeit entfacht. Visuell äußerst eindrucksvoll, inhaltlich eher spröde und im letzten Abschnitt mit Ekelsex garniert – ein typischer Dumont, der im Vergleich zu seinem stellenweise sogar heiterem Vorgänger „Hadewijch“ etwas abfällt, aber vor allem sehr viel Raum für eigene Interpretationen lässt. Im Hauptwettbewerb ist dafür leider kein Platz, denn Filme wie Andrea Molaiolis „Il gioiellino“ oder Martin Šulíks „Cigan“ kauen bereits alles vor. Ersterer basiert lose auf dem Skandal um den Lebensmittelkonzern Parmalat: Finanzbetrug in Höhe von über 8 Milliarden Euro – das macht sich in Zeiten der Krise immer wieder gut, aber selten hat man ein eigentlich so brisantes Thema so zahnlos inszeniert gesehen. Die eigentliche Perversion, die gerade heute doch viel augenscheinlicher sein müsste, wird völlig ausgeblendet, stattdessen werden die Verantwortlichen als Biedermänner und verantwortungsbewusste Familienmenschen gezeichnet. Nicht viel anders läuft’s bei „Cigan“: Der slowakische Film zeigt die Schwierigkeiten des 14-jährigen Romas Adam beim Erwachsenwerden und Finden der eigenen Identität: Sein Stiefvater zwingt die Kinder, kleinere Straftaten zu begehen, sein toter Vater erscheint ihm im Traum, seine Freundin wird an einen reichen Tschechen verheiratet (hat ein automatisches Garagentor), die Polizei ist böse und der Priester gut und die Studenten aus der Großstadt sowieso. Also ein Film, der einfach „nett“ sein will und der die eigentlichen Probleme nur streift – somit: preisverdächtig.„Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt“ – ein Satz, den Politiker in letzter Zeit ja immer wieder gerne von sich geben. In der dänischen Dokumentation „Det gode liv“ (Das schöne Leben) sehen wir zwei Damen, Mutter und Tochter, auf die das vielleicht zutrifft. Früher waren sie Millionäre, doch als die „verdammten Kommunisten“ in Portugal an die Macht kamen, wurden sie arm. Heute ist die Tochter über 50, weint Tag und Nacht den guten alten Zeiten nach, und wirft ihrer Mutter ständig vor, Schuld an ihrem Unglück zu sein, während diese die Schimpftiraden geduldig über sich ergehen lässt. Nach ca. einer Stunde Laufzeit passiert dann ein Sinneswandel und Tochter Mette versucht, nachdem ihre Astrologin sie davon überzeugt, ihren ersten Job zu finden. Na, ob das gut geht... Eva Mulvads Film ist vor allem dann okay, wenn die Tochter der Mutter nicht irgendwelche abstrusen Vorhaltungen macht. Leider passiert das fast ständig und so wird es schnell redundant und nervig.Nervig ist vor allem der neue Festivaltrailer mit Jude Law, der seinen „President’s Award“ (zum Preis fürs Lebenswerk hat’s dann noch nicht gereicht) vom letzten Jahr auf seinen Rolls Royce montiert. Das ist genau einmal – beim ersten Mal – lustig, wenn man ihn aber vier, fünf Mal am Tag zu sehen bekommt, schießen einem ganz andere Ideen zur Zweckentfremdung des Festivalpreises durch den Kopf... Dass das auch anders geht, zeigen die anderen recht guten (und vor allem kürzeren Trailer) – hier der mit Harvey Keitel als Vorgeschmack: http://www.youtube.com/watch?v=8IGolFXawIE - Florian Widegger, Karlovy VaryWeiterführende Links:celluloid in Karlovy Vary: Vorschau auf das FestivalErste Eindrücke vom WettbewerbExploitation deluxeKarlovy Vary im Endspurt Die Sieger stehen festzurück zur Startseite
Offizielle Website des Filmfestivals Karlovy Vary
Sind glücklich über so viel Publikum: Regisseur Andrea Molaioli, Remo Girone und Francesca Cima ("Il gioiellino")Fotos: Karlovy Vary Film Festival (2); zVg
"Hobo With A Shotgun": Rutger Hauer is not amused
"Hors Satan": Harmlose Schießübungen?
Festivaltrailer mit John Malkovich
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