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Der Gewinnerfilm der Berlinale 2011 von Asghar Farhadi zeigt Ehe- und Familien-Realitäten im heutigen Iran
Nader und Simin - Eine Trennung
KRITIK DER WOCHE
Matthias Greuling Alexandra Zawia
Sie leben in derselben Stadt und doch in verschiedenen Welten: Zwei Familien aus Teheran – die eine stammt aus der gebildeten Mittelschicht, die andere aus der religiösen Unterschicht – eint nicht viel und dennoch verstricken sich ihre Wege von einem Tag auf den anderen tragisch durch einen Unfall. Mit seinem Drama „Nader und Simin – Eine Trennung“ gelingt dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi ein sensibles Porträt eines modernen Iran.Simin will sich von Nader scheiden lassen. Nicht, weil es an Liebe mangelt, es sind die Lebenspläne, die das Ehepaar aus der gebildeten Mittelschicht entzweien: Simin will ihrer Tochter im Ausland ein besseres Leben ermöglichen, Nader aber weigert sich, mitzugehen, weil er sonst seinen dementen Vater zurücklassen müsste. Für eine Scheidung aber reicht dieser Grund nicht aus und so zieht Simin bloß aus. Als Pflege- und Haushaltsunterstützung stellt Nader daraufhin die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Razieh ein. Sie ist im fünften Monat schwanger und mit der Arbeit bald überfordert. Als sie eines Tages den dementen Vater ans Bett bindet, um für eine Erledigung die Wohnung zu verlassen, findet Nader seinen Vater später ohnmächtig am Boden wieder. Verständnislos schmeißt er Razieh aus der Wohnung. Es ist der Moment, an dem alle Fröhlichkeit aus dem Film entweicht: Denn Razieh stürzt beim Rauswurf. Am nächsten Tag erfährt Nader, dass sie eine Fehlgeburt hatte. Ihm droht eine Gefängnisstrafe wegen Totschlags und Razieh soll sich wegen der Vernachlässigung des kranken Vaters verantworten.Bei der Berlinale erwies sich der Film als großer Abräumer, denn zum ersten Mal gingen Hauptpreis – der Goldene Bär für den Besten Film – und die Darstellerauszeichnungen an ein und dieselbe Produktion. Große Nähe und Natürlichkeit in der Charakterzeichnung sind die Stärken des Films und tragen ihn bis zum Schluss. Die allesamt ausgezeichneten Darsteller schaffen es, das intime Gewebe aus Leid, Würde, Schuld oder Vertrauen glaubhaft zu verkörpern. Die Kamera lässt nie ab von den Figuren. Naheinstellungsgrößen dominieren, und beim Wechsel zwischen den Figuren kennt die Kamera kein soziales Oben und Unten. Das ist es auch, was Farhadi so bemerkenswert gelingt: Trotz Intimität ergreift er nie Partei für eine der Familien. Zu sehr sind die Handlungsweisen der Charaktere nach dem Unglück aus ihren jeweiligen (sozialen) Blickwinkeln nachvollziehbar. Zwei unterschiedliche Wertewelten prallen aufeinander, die keine Lösungen bieten, die Konsequenzen des Unfalls zu tragen: Während die eine Familie mit dem Tod des ungeborenen Kindes nicht zurecht kommt, droht die andere Familie immer mehr am Konflikt und den ohnehin auseinanderdriftenden Lebensvorstellungen zu zerbrechen. Über sehr weite Strecken trifft Farhadi den richtigen Ton, wenn es darum geht, die Innenwelt der Figuren, ihre Geschlechterrollen und ihre völlig unterschiedlichen Probleme sichtbar zu machen. Gegen Ende hin aber gelingt ihm das nicht mehr ganz ohne Pathos: Etwa dann, wenn Nader mit Werten wie Ehrlichkeit und Vernunft ringt. - Sandra NigischerIR 2011, Regie: Asghar Farhadi. Mit: Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sareh Bayat.FILMSTART: 18. 11. 2011zurück zur Startseite
"Nader und Simin - Eine Trennung". Foto: Filmladen
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