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Das Filmfestival Locarno begann mit viel Mut zum Mainstream
Aliens, Sonnenbrand und verlorene Föten
LIVE AUS LOCARNO
Matthias Greuling Alexandra Zawia
Mainstream, ja. Das braucht Locarno. Dieses kleinste der großen Festivals muss auf sich aufmerksam machen, denn sonst geht es in der Bedeutungslosigkeit unter. Scheint zumindest Olivier Père zu glauben, der künstlerische Direktor seit 2010. Anders ist nicht zu erklären, weshalb sich diese Filmschau in ihrem 64. Jahr mit Weltuntergangsszenarien, mit Liebesfrust aus der tiefsten Klischeeschublade und mit Aliens, Aliens, Aliens abgibt. Einmal bekommen es die „Cowboys“ mit den Aliens zu tun, ein andermal - zur Eröffnung – ein paar Kids in den 70ern, die ein Alien auf „Super 8“ festhalten. Ein Eröffnungsfilm als inhaltliches Statement?Vielleicht, denn gleich am nächsten Tag ging es in Locarno weiter mit den Außerirdischen: In „Attack the Block“ landen H.R.Giger-mäßige Aliens in einem dreckigen Londoner Viertel, in dem die Gangs die Regeln bestimmen. Und nur die Gangs.Weshalb die „Zugereisten“ erst mal scharfe Gegenwehr verspüren, in Form von Baseball-Schlägern und Springmessern. (Was inhaltlich zur aktuellen Kampagne der Schweizer SVP passt, wo in Nazi-Ästhetik vor der „Massenzuwanderung“ gewarnt wird). Wollen wir uns das Viertel von Aliens wegnehmen lassen, die kein Geld haben, wenn wir doch vom Ausrauben schutzloser Frauen mit dicker Brieftasche leben? Natürlich nicht. Das Filmfestival Locarno ist in seinen ersten Tagen voller (unfreiwilliger) Farcen. „Attack the Block“ ist hart dran am Splatter, zeigt viel Zurückschlagen und noch mehr Davonlaufen. Die Alieninvasion auf London will gestoppt werden, und da lassen sich die Straßengangs einfach nichts vormachen. Oder: Die Endzeitphantasie von Tim Fehlbaum namens „Hell“. Hölle ist heiß, das weiß man. Was liegt also näher, die von Roland Emmerich als Patron realisierte Erstlingsarbeit mit der Sonne zu verknüfen. Die wird immer heißer, die Menschen haben immer mehr Durst und Hannah Herzsprung beginnt einen beinharten Überlebenskampf. Alles recht stylish desaturiert gefilmt, mit der Überbelichtung als Programm: Schließlich soll die Sonnenhitze ja gleißend aussehen. Aber sie hat im selben Durchgang auch jeglichen Sinn aus diesem Jump’n’Run-Adventure weggebrannt. Überleben ist angesagt, man will ja schließlich ins nächste Level aufsteigen. Auch, wenn das mit argem Sonnenbrand verbunden ist.Es gibt viel Davonlaufen. Die Urängste vom Weltuntergang, sie scheinen Pragramm bei diesem Filmfestival. Was beim Splatter/Horror/Monster- und Alienmovie schnell zu inhaltlicher Banalisierung optisch gut gelöster und vielleicht zu künstlerischer (oder sollte man sagen: künstlicher) Ausgestaltung führt, sieht im Drama nicht viel anders aus: Ärgernis Nummer eins sind gar nicht die letztlich harm- und ideenlosen Alien-Pics , sonder Mia Hanson-Loves „Un Amour de jeunesse“. Eine Lovestory, die zwischen zwei Teenagern beginnt und zwischen zwei Twens endet. Junge und Mädchen, erste große Liebe, für die man sogar zu Sterben bereit wäre. Dann der Abgang des Jungen nach Südamerika mit den Buddies, und Paris hat im November noch nie so traurig ausgesehen. Darüber hinweg kommen, neuer Lover, viel älter und ein bisschen im Hager-Look von Klaus Kinski, der ideale Ersatzvater. Hanebüche Zeitsprünge dazu und – selbstredend – die Rückkehr des Jungen aus der Fremde. Gebrochene Herzen, verlorene Föten und jede Menge Paris: Mia Hanson-Love veranstaltet hier eine pubertäre Teenager-Party mit ganz vielen Gästen - und die meisten davon sind irgendwann im zähenflüssig gefüllten Klischeetopf erstickt. Ein Film wie ein Löffel Honig: Viel zu klebrig, viel zu süss. Locarno hat den Mainstream eingeladen. Jetzt ist er da. Die kommenden Tage werden zeigen, ob er vielleicht nicht doch nur auf Durchreise ist. Matthias Greuling
"Un amour de jeunesse"
"Hell" (Fotos: Festival Locarno)
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