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Locarno: Retrospektive Ernst Lubitsch

Der Lubitsch-Touch ist bis heute unerreicht: Das Filmfestival Locarno widmet Ernst Lubitsch, dem Regisseur mit dem goldenen Händchen für Komödien, eine komplette Werkschau.

Wie hätte Lubitsch es gemacht?

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„Wenn ich diese Formel kenne würde, dann würde ich sie patentieren lassen“, sagte Billy Wilder über den Lubitsch-Touch. Jenes Kennzeichen, das so viele Filme von Ernst Lubitsch unverwechselbar machte, und dem Komödienmacher bis heute (oft erfolglos) nacheifern. Der Lubitsch-Touch ist das große Geheimnis des deutschen Regisseurs gewesen. Grundsätzlich ging es darum, nicht alle Details der Handlung zu zeigen, sondern es dem Zuschauer zu überlassen, die Handlung zu vervollständigen. Doch das ist keine Besonderheit, sondern zeichnet kluge Filmregie aus. Es war die Art und Weise, wie Lubitsch diese Kombination aus Leichtfüßigkeit, Understatement, Detailverliebtheit, Nonchalance, Eleganz und sexuell aufgeladenen Untertönen herstellte – was bis heute unentschlüsselt ist.Billy Wilder versuchte dennoch eine Erklärung, anhand einer Szene aus „The Smiling Lieutenant“ (1931), ein früher Tonfilm Lubitschs, der lange verschollen war, ehe man ihn in den 70er Jahren wieder entdeckte: „Die Königin hat eine Affäre mit dem Adjutanten des Königs. Wir sehen, wie die Königin und der König in ihrem Schlafzimmer aufwachen. Er kleidet sich an, sie ist sehr nett zu ihm und lächelt. Der König verlässt das Schlafzimmer, und an der Tür wartet bereits der Adjutant, in Uniform und mit seinem Säbel. Der König schreitet eine lange Treppe hinab. Schnitt zurück auf den Adjutanten, der den König weggehen sieht und das Schlafzimmer der Königin betritt. Die Tür schließt sich, Lubitsch schneidet nun nicht in das Schlafzimmer. Nun, als der König die Treppe hinab geht, bemerkt er, dass er seinen Gürtel mit dem Säbel vergessen hat. Er kehrt um und geht die Treppen wieder hoch. Er öffnet die Schlafzimmertür und schließt sie hinter sich. Wir bleiben erneut draußen. Die Tür öffnet sich wieder, der König kommt mit dem Gürtel und dem Säbel in der Hand heraus und geht die Treppen wieder hinunter. Dabei versucht er, den Gürtel anzulegen, als er plötzlich merkt, dass es nicht sein Gürtel sein kann, weil er ihm viel zu eng ist. Er darauf hin entdeckt er den Adjutanten unter dem Bett im Schlafzimmer. Das ist der Lubitsch-Touch“.Lubitsch, der 1892 in Berlin geboren wurde, als Schauspieler unter Max Reinhardt am Deutschen Theater begann und 1922 nach Hollywood ging, drehte mehr als 70 Filme, zu seinen bekanntesten Werken gehören „Trouble in Paradise“ (1932), „Ninotchka“ (1939) und „To Be or Not to Be“ (1942). Sein vollständiges Werk wird dieses Jahr beim Filmfestival in Locarno zu sehen sein. In seinen Filmen perfektionierte er die Kunst der intelligenten Komödie. In den 30er und 40er Jahren arbeitete er mit den großen Hollywood-Stars zusammen, darunter Maurice Chevalier, Gary Cooper, Marlene Dietrich, James Stewart sowie Greta Garbo. Lubitsch versuchte sich auch im ernsten Fach, doch diese Ausflüge goutierte das Publikum nie. Der Misserfolg des Kriegsdramas „The Man I Killed/Broken Lullabye“, das 1932 Nancy Carroll und Phillips Holmes in den Hauptrollen zeigte, überzeugte den Regisseur, künftig nur noch Komödien zu drehen.Für Billy Wilder war Lubitsch das große Vorbild schlechthin. Wilders Komödien stecken voller Referenzen an den großen Komödienmeister. „Ich habe ihn nur kopiert, aber nie erreicht“, hat Wilder einmal gesagt, und tatsächlich finden sich viele Ideen von Lubitsch in späteren Wilder-Welterfolgen wieder. Am Ende von „The Smiling Lieutenant“, wenn Königin und Adjutant sich in den Armen liegen, will sie mit ihm eine Runde Schach spielen. In Wilders „Apartment“ (1960) schließt die Lovestory mit einem Kartenspiel zwischen Shirley MacLaine und Jack Lemmon und mit dem berühmten Satz „Shut up and deal“. Jack Lemmon sitzt in diesem Film übrigens in einem Großraumbüro seiner Versicherungsfirma, das jenem in Lubitschs Kurzfilm „If I Had a Million“ (1932) frappant ähnelt.Wilder hatte auch ein Schild in seinem Büro, auf dem stand: „Wie hätte Lubitsch es gemacht“? Es sollte ihn und seine Co-Autoren beim Drehbuchschreiben dazu ermuntern, den Geist des großen Lubitsch für ihre Geschichten in Erinnerung zu rufen. Diesen Geist durfte Wilder auch persönlich miterleben: Er und sein langjähriger Co-Autor Charles Brackett schrieben für Lubitsch 1939 das Drehbuch zu „Ninotchka“. Das Studio bewarb den Film, in dem die als sehr seriös geltende Greta Garbo die Hauptrolle spielte, damals mit dem Slogan „Die Garbo lacht!“Zum Lachen waren Lubitschs Filme allemal, jedoch besaßen sie eine zusätzliche Ebene intelligenter Unterhaltung: Seine Gesellschaftskomödien waren von einer großen Frivolität, ohne jemals vulgär zu werden. Geschickt umging er die strengen Zensurbestimmungen in einem dereinst noch sehr sittenstrengen Amerika. „Naughty, but nice“ nannten die Kritiker seinen Stil, bei dem Lubitsch gewagte Doppeldeutigkeiten in seine Filme einfließen ließ. In „To Be Or Not To Be“ (1942) lässt er Robert Stack und Carole Lombard ein Wortduell der Extraklasse ausfechten. Er, ein tapferer Pilot, sie eine verheiratete Schauspielerin – und zwischen den beiden knistert es gewaltig. „Ich fliege einen Bomber“, sagt er, „einen großen Bomber. Ich kann damit drei Tonnen Dynamit in zwei Minuten abfeuern. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen meinen Bomber zeige?“ – „Morgen, bei mir zu Hause“, sagt die Schauspielerin. „Oder nein, ich treffe sie lieber direkt am Flughafen“. Die beiden verabschieden sich. „Es tut mir leid, wenn ich ein wenig unbeholfen wirke, aber es ist das erste Mal, dass ich eine Schauspielerin treffe“, sagt der Pilot. Die Schauspielerin erwidert: „Lieutenant, es ist das erste Mal, dass ich einen Mann treffe, der drei Tonnen Dynamit in zwei Minuten abfeuern kann“. „Lubitsch hatte eine Abneigung dagegen, die Dinge in ihrer augenscheinlichsten Art auszudrücken“, sagte Regisseur Mervyn LeRoy, der ihm 1947 einen Spezial-Oscar für sein Schaffen überreichte. Bereits im Jahr zuvor hatte Lubitsch, den man selten ohne seine Zigarre sah, einen Herzinfarkt erlitten, von dem er sich nie mehr richtig erholte. Vier weitere Herzanfälle ließen ihn straucheln, und seine letzten beiden Filme, „A Royal Scandal“ (1945) und „That Lady Ermine“ (1948) wurden von Otto Preminger fertig gestellt. Am 30. November 1947 erlag Lubtisch einem weiteren Herinfarkt. “Ich erinnere mich noch genau an den Tag des Begräbnisses”, sagte Billy Wilder. „Nach der Feier gingen William Wyler und ich schweigend zu unseren Autos. Um das Schweigen zu brechen, sagte ich ‚Kein Lubitsch mehr’. Wyler antwortete: ‚Es ist noch viel schlimmer – keine Lubitsch-Filme mehr’“.Matthias Greuling / Alexandra Zawia

Ernst Lubitsch (oben, mit Zigarre) drehte zahllose Komödienklassiker, darunter "Trouble in Paradise" (1932) (Fotos: Festival Locarno)









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