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Venedig 2011 Halbzeit im Wettbewerb

Weder Soderbergh noch Cronenberg überzeugen in Venedig. „Alps“ von Yorgos Lanthimos momentaner Favorit

Alpen sind unversetzbare Berge

LIVE AUS VENEDIG

Matthias Greuling Alexandra Zawia

Es ist das Festival der großen Filmemacher, aber sie sind nicht auf der Höhe ihrer Kunst. Zur Halbzeit vermisst man in Venedig noch immer echte Überraschungen im Wettbewerb. Viele der hier gezeigten, mit Spannung erwarteten neuen Arbeiten namhafter Regisseure sind zwar formal messerscharf konstruiert, zumeist auch darstellerisch tadellos interpretiert, aber sie sind oft derart glatt gestrickt, dass sie nie mehr bieten als belanglose Unterhaltung. David Cronenberg etwa, für gewöhnlich ein Meister des Abgründigen, erforscht in „A Dangerous Method“ zwar die Tiefen der Psyche von Keira Knightley, die sich als Patientin von Carl Jung und Sigmund Freud die Seele aus dem Leib spielt (nicht immer ein schöner Anblick); aber das artig und säuberlich abgefilmte Kostümdrama, teilweise auch in Wien gedreht, erstickt in artifiziellem Dekor und wirkt wie eine Psychostudie ohne Psychologie und ohne Studie, seelenlos, platt.Langatmig hingegen die John le Carré-Verfilmung „Tinker, Taylor, Soldier, Spy“, eine Agenten-Geschichte zur Zeit des Kalten Krieges, in der Gary Oldman den Maulwurf zu finden versucht, der im britischen Geheimdienst sitzt und Informationen an die Russen ausplaudert. Regisseur Tomas Alfredson scheint anzunehmen, einen spannenden Film gedreht zu haben, sonst hätte er ihn wohl anders geschnitten, arrangiert, adaptiert. Doch stattdessen: selbstverliebte Kamerafahrten und künstlich ausgefallene Perspektiven, artifiziell drapierte Ausstattung, geschwätzige Akteure, oberflächliche Figurenzeichnung – ein spannender Agentenfilm ist das nicht; bestenfalls ein Plateau zur Präsentation einiger großer Namen wie Colin Firth oder John Hurt, das der Buchvorlage nicht gerecht wird.Auch der Venedig-Stammgast Todd Solondz enttäuscht mit seiner neuen Arbeit „Dark Horse“ um einen Mittdreißiger (Entdeckung: Jordan Gelber), der noch immer daheim bei den Eltern wohnt und aufgrund seiner schrulligen Übergewichtigkeit keine reelle Chance bei Frauen hat. Erst in Selma Blair findet er scheinbar eine Entsprechung, wenn auch eine recht absurde. Solondz zieht seine Geschichte um den nerdigen, allerlei Actionfiguren sammelnden Homer Simpson-Fan als Farce auf, kippt aber bald in Mitleidigkeit, weil er im weiteren Fortgang nur noch platte Gags parat hält, anstatt das volle Potenzial einer Auseinandersetzung mit dem 08/15-Dasein eines Durchschnittamerikaners zu nützen. Zynismus ist gut, Zynismus mit Slapstick weniger, Zynismus ohne Substanz gar nicht.Ein leeres Leben führt auch der Anti-Held in Steve McQueens „Shame“: Michael Fassbender spielt Brandon, einen wohlhabenden Junggesellen Mitte Dreißig, dessen Leben von seiner Sexsucht bestimmt wird: Pornos, Nutten und permanente Triebbefriedigung hindern ihn an jeder ernsthaften Beziehung; wären mal Gefühle im Spiel, versagt er im Bett. Als sich eines Tages auch noch seine selbstmordgefährdete Schwester (Carey Mulligan) bei ihm einquartiert, fühlt er sich nach ein paar Tagen so in der Falle, dass die Situation nur noch eskalieren kann.Die Befindlichkeit einer orientierungslosen Existenz einzufangen, gelingt McQueen leider nur in Ansätzen. Zu viel wird hier ausgesprochen, in Dialogen und stilisierten Szenen auf dem Silbertablett serviert. Zu wenig wird wieder einmal dem Zuschauer zugemutet, wirklich hinzuschauen und auch einmal selbst zwischen den Szenen zu lesen. Glücklicherweise gibt es aber auch solche Filme im Wettbewerb. Ganz anders geartet ist „Alps“, des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Mittels meisterhafter Nutzung visueller Perspektiven und effektiver Auslassung erzählt er von einer kleinen Gruppe bizarrer Dienstleister, die es sich zum Nebenverdienst gemacht haben, in den jeweiligen Familien kürzlich Verstorbener als Ersatz einzustehen. Da besucht eine Krankenschwester etwa einmal die Woche ein Ehepaar, das seine 16-jährige Tochter verloren hat. Sie zieht sich deren Kleidung an, sagt Sätze, die das Mädchen zu sagen pflegte, liegt beim abendlichen Fernsehen für ein paar Stunden in den Armen der Eltern, als wäre die Familie noch immer komplett. Selten gelang ein besserer Film über die Themen Verlust, die Echtheit von Gefühlen und überhaupt den Sinn solcher. Die Sinnfrage stellt sich auch außerhalb des Wettbewerb, wenn auch anders: Steven Soderbergh etwa lässt in „Contagion“ Gwyneth Paltrow nach fünf Minuten an einem tödlichen Virus verscheiden, nur um ihr hernach die Schädeldecke aufzusägen; eine ganze Reihe Leute (Laurence Fishburne, Marion Cottilard, Kate Winslet) erforscht das Virus und beginnt einen Wettlauf gegen die Zeit. Nichts an diesem tadellos inszenierten Blockbuster ist aber neu, alles hat man spätestens in „Outbreak“ (1995) schon gesehen. Ein Wiedersehen gab es auch mit Al Pacino, der in Venedig einen Preis fürs Lebenswerk erhielt. Er brachte seine neue Regiearbeit „Wilde Salomé“ mit, eine Doku über eine Theateraufführung von Oscar Wildes „Salomé“, die von den Proben bis zum fertigen Stück nur ein Zentrum kennt: Al Pacino, wie er selbstgefällig durch den Film stakst, hyperaktiv wie ein Kind auf Zuckerschock seine Liebe zum Theater beschwört und dabei verstörend selbstverliebt intellektuelle Seelentiefe vorgibt. Wie sein „Looking For Richard“ – die dokumentierte Adaption des Theaterstücks „Richard III“ – wirkt auch dieses Projekt eher wie eine Beschäftigungstherapie mit Marketingwert für einen Schauspieler, der momentan etwas viel Zeit hat. Dass er als Bühnenprotagonistin wenigstens die souveräne Jessica Chastain besetzt hat, zeugt zumindest von der Bestätigung eines aufkommenden Talents.Matthias Greuling / Alexandra Zawia, Venedig

"Alpis" von Yorgos Lanthimos (Foto: La Biennale di Venezia)

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"Shame" von Steve McQueen(Foto: La Biennale di Venezia)

"Dark Horse" von Todd Solondz (Foto: La Biennale di Venezia)









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