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Alexander Sokurov gewinnt in Venedig den Goldenen Löwen, in einem außergewöhnlich attraktiven Wettbewerb.
Als hätte Goethe den "Faust" für Sokurov geschrieben
LIVE AUS VENEDIG
Matthias Greuling Alexandra Zawia
„Ein Anruf von Putin an Berlusconi genügt, und schon gewinnt Sokurov den Goldenen Löwen“, scherzte ein russischer Journalist kurz vor der Preisverleihung beim Filmfestival Venedig. Dass Alexander Sokurov, dieser russische Kinovisionär mit seinem mäandernden, in komplexer Mise-en-scène verankerten Erzählstil, am Ende tatsächlich den Hauptpreis für seine lose Adaption von Goethes „Faust“ entgegen nehmen konnte, hat freilich nichts mit Bestechung zu tun; denn „Faust“, in deutscher Sprache gedreht und mit den Österreichern Johannes Zeiler (als Faust) und Georg Friedrich (als Wagner) glänzend besetzt, ist Sokurovs Bombast-Variante dieser Tragödie: Als letzter Teil seiner Tetralogie über große gescheiterte Spieler, die bisher Filme über Lenin, Hitler und Hirohito umfasste, perfektioniert Sokurov seinen Stil aus sich überlagernden Dialogen, Musiken und Klangteppichen innerhalb eines auf das 4:3-Format beschränkten Bildes, in dem er künstlich-kulissenhaft mit Mittelalter-Dekor spielt und über all das einen verzerrenden Schleier legt; Sokurovs Stil hat seine perfekte Entsprechung in Goethes Vorlage gefunden, als wäre „Faust“ nur für ihn geschrieben worden. Es ist ein anstrengender Film, dem man sich aber nicht mehr entziehen kann, sobald die erste Szene beginnt. Großes Film-Theater.Überhaupt hatte das Theaterhafte hier Saison: Roman Polanskis „Gott des Gemetzels“ nach dem Stück von Yasmina Reza zeigte die Geschichte einer Eskalation mit einem famosen Ensemble in nur einem einzigen Dekor: Jodie Foster, Christoph Waltz, Kate Winslet und John C. Reilly geraten höchst humorvoll aneinander, ohne dabei allzu theatralisch zu werden. David Cronenbergs „A Dangerous Method“ zeigte – etwas uninspiriert – die Frühzeit der Psychoanalyse in bühnenhaftem Setting. Al Pacino machte in seiner Doku „Wilde Salomé“ eine Theateraufführung von Oscar Wildes „Salomé“ zum Thema – und leider auch sich selbst. Der Ego-Trip eines Theaterliebhabers. Darüber hinaus bewies Festival-Chef Marco Müller ein sicheres Gespür für seinen überwiegend glanzvollen Wettbewerb. George Clooneys Polit-Drama „The Ides of March“ über Loyalität und Verrat in der Politik blieb zwar unprämiert, zeigte aber einmal mehr, dass Clooney als Regisseur viel besser ist als vor der Kamera. William Friedkin unterläuft in der schwarzen Komödie „Killer Joe“ die genreimmanenten Konstrukte des Kriminalfilms. Steve McQueen zeigte (etwas spekulativ) einen jungen Mann (Bester Darsteller: Michael Fassbender), der mit seiner Sexsucht zu kämpfen hat. Weniger gelungen hingegen die John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Taylor, Soldier, Spy“, die unter ihrer stilistischen Selbstverliebtheit leidet, anstatt zum Kern des Romans vorzudringen. Todd Solondz scheitert in „Dark Horse“ daran, die Liebes-Leiden eines übergewichtigen US-Amerikaners zu einer tiefgründigen Farce zu verdichten. Andrea Arnolds bildgewaltige Verfilmung von Emily Brontës Roman „Wuthering Heights“ (beste Kamera) zeigt trotz ihrer Intensität, dass diese Regisseurin Emotionen besser in ihren eigenen, zeitgenössischen Geschichten verhandeln kann.Dass mit Michael Glawoggers „Whores‘ Glory“ (Orizzonti-Jury-Preis) auch ein Österreicher unter den Prämierten war, beweist erneut, wie stark sich das heimische Filmschaffen nach wie vor im internationalen Festivalbetrieb behaupten kann.Schließlich hat auch das asiatische Kino, Müllers Spezialgebiet, ordentlich aufgezeigt. Mit „People Mountain People Sea" von Cai Shangiun ist ein Debütfilm mit dem Jury-Preis belohnt worden, der einerseits als stoisch inszenierte Rache-Eastern funktioniert, andererseits aber auch Kritik an den unmenschlichen Bedingungen in chinesischen Kohleminen und an der korrupten Polizei übt.Der mit Abstand beste Film dieses Festivals erhielt immerhin den Drehbuchpreis: „Alpis“ des Griechen Yorgos Lanthimos. Er zeigt Menschen, die Verstorbene ersetzen, indem sie für deren Angehörige in die Rollen der Toten schlüpfen. Eine ganz neue, bizarre Idee vom Umgang mit dem Tod, vom Ausblenden der Endlichkeit: „Alpis“ ist vielleicht die größte Filmentdeckung dieses Jahres. Matthias Greuling, Venedig
Alexander Sokurov (Mitte) mit Johannes Zeiler (l.) und Anton Adasinskiy (Foto: Tuma)
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Der Österreicher Johannes Zeiler spielt den "Faust"(Foto: La Biennale di Venezia)
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